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Ferdinandea -

1. April 2009
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von: Wolfgang Schaub
Land: Italien
- ein Wahnsinns-Traum

Ferdinandea - die Idee

Neuland - Wem soll es gehören?
Neuland - Wem soll es gehören?
An jenem 1. April vor drei Jahren dachte ich nach, was ich wohl wieder im Sommer tun würde. Zweifellos würde es meiner Leidenschaft gelten – die jeweils höchsten Punkte eines jeden europäischen Landes aufzusuchen. Da war ein Land, das 40 Kilometer vor der Küste Siziliens Juli 1831 plötzlich aus dem Wasser des Mittelmeers auftauchte, sich fauchend, sprudelnd und feuerspuckend bis zu 63 Meter über den Meeresspiegel erhob und dann in den folgenden 6 Monaten von der Brandung wieder abgetragen, eingeebnet und verschlungen wurde: Ferdinandea.

Ferdinandea - die Geschichte

Basislager - Hafen von Sciacca
Basislager - Hafen von Sciacca
Fischern aus Sciacca war das Getöse im Meer zuerst aufgefallen, dann beäugten Kapitäne vorbeifahrender Schiffe das feurige Spektakel und Regierungen wurden darauf aufmerksam: Wem sollte die neue Insel eigentlich gehören? Dem bourbonischen Königreich Beider Sizilien, nur weil es in dessen nächster Nähe lag? Oder den machthungrigen Briten, nur weil es als „Graham Island“ so hübsch entlang der Route von Gibraltar über Malta, Korfu, Zypern und Suez nach Indien lag? Den Franzosen etwa, nur weil sie der Insel auch einen Namen gegeben hatten? – L'Ile de Julia. Oder den Spaniern, die das Eiland „Corrao“ getauft hatten? Alle waren sie scharf auf eine Neuerwerbung im Mittelmeer und so war alsbald der feinste internationale Konflikt vom Zaun gebrochen. Noch hatte niemand die vulkanischen Gestade des Inselchens betreten, nie war jemand auf dem 63 Meter hohen Gipfel gestanden. Den Briten gelang als ersten eine Landung, und der Union Jack wehte ein paar Tage lang am Strand von Ferdinandea ...

... da war die Insel wieder weg. Und ist es bis heute. 8 Meter unter der Meeresoberfläche hat man ihren höchsten Gipfel geortet, den Thomas Coleman Point. Herzogin Camilla Crociani von Bourbon versenkte auf ihm im November 2000 eine marmorne Gedenkplatte, um sich und ihrem Hause den Territorialanspruch zu sichern, falls es der Insel einfallen sollte, jemals wieder aufzutauchen.

Souveränitätsanspruch. kaputt
Souveränitätsanspruch. kaputt

Ferdinandea - der Plan

Der Peak im Relief
Der Peak im Relief
So lange konnte ich nicht warten. Ich musste hin. Um auf ihrem höchsten Gipfel zu stehen, 8 Meter unter dem Meer, bedeutete, ich musste tauchen lernen – und nicht nur das: Jemand mußte mich hinaus aufs Meer fahren, 40 Kilometer weit, genau über den Gipfel, mich vom Boot ins Wasser entlassen, mir die Hand reichen und mich hinunterziehen, mich genau auf dem Gipfel absetzen, zur Dokumentation ein Unterwasserbild aufnehmen und mich wieder sicher hinauf zum Boot zurückgeleiten. Sicherstellen, daß der immense Druck von meinem Kopf verschwand, ohne daß ich wie eine Champagnerflasche explodierte.

Eine Internet-Recherche – nichts geht ohne das Internet in meinem Hobby! – ergab, dass nur Roberto Randazzo in der Lage war. Im südsizilianischen Sciacca betreibt er seine Tauchschule Robsub – www.robsub.it.

Ferdinandea - die "Action"

Lega Navale Italiana
Lega Navale Italiana
Ein oberflächlicher Gesundheitscheck, ein Tag Theorie, ein Tag Üben im Schwimmbecken einer privaten Villa, ein Tag Tauchgang vor Sciacca „zur Probe“ – und schon „konnte“ ich tauchen. Raus ging es 40 Kilometer aufs offene Meer, bis das Echolot anzeigte, dass wir über dem Gipfel standen: Otto metri sopra la cima. Und dann lief etwas ab, das in die Geschichte des Bergsteigens als die erste gezielte Unterwasser-Besteigung einging. Nicht ein ordinärer Tauchgang war das, sondern eine Klettertour, unterschieden von den üblichen nur dadurch, dass ich den Berg nicht von unten anging, nicht die 10 Meter hohe, senkrechte, leuchtende Wand aus smaragdgrünem Tang aus dem Sandboden der Graham-Bank aufgestiegen, sondern von oben herabgelassen war. Kleiner, unbedeutender Unterschied. Ich beanspruche voller Stolz, die Disziplin des Unterwasser-Bergsteigens begründet zu haben!

Hinaus aufs Meer!

Hinaus aufs Meer!
Hinaus aufs Meer!

Hinein ins Wasser!

Hinein ins Wasser!
Hinein ins Wasser!

Hinunter!

Gurgelnd in die Tiefe!
Gurgelnd in die Tiefe!

Auf dem Gipfel

Bräsig und glücklich
Bräsig und glücklich

Ferdinandea - der Wahnsinn

Eine neue Art Bergsteigen!
Eine neue Art Bergsteigen!
Und dann saß ich da, glücklich, otto metri sotto di nivello del mare, auf dem Gipfelfelsen Ferdinandeas. So kommt es, daß der niedrigste aller Berge in der Liste meiner Höchsten Land für Land – http://www.gipfel-und-grenzen.de/die_hoechsten.php?sprache=DE – nur minus 8 Meter hoch ist. Was ist schon Höhe! Alles nur willkürlich auf die Meeresoberfläche bezogen, und selbst diese schwankt je nach Definition des jeweiligen Landes. Meine Höchsten kümmern sich nicht um solche Sophismen. Meine Höchsten haben unabhängigen Gebieten anzugehören. Und Ferdinandea ist wahrhaftig unabhängig gewesen – umkämpft zwischen 4 Nationen hatte es sich dem Zugriff entzogen, war einfach abgetaucht. Ferdinandea erfüllt alle Kriterien von Unabhängigkeit, wie ich sie mir vorstelle. Und so habe ich mich selber auch entschlossen und bin unabhängig genug, diesen alpinistischen Meilenstein einer geneigten Leserschaft an diesem 1. April 2009 zu präsentieren: Lang lebe das Blubbern des Unterwasser-Höhenbergsteigens! Lang lebe die Unabhängigkeit im freien Alpinismus! Es muß nicht immer so sein, wie es alle anderen machen. Ich bin so frei und mache es auf meine Art – bin unabhängig von gängigen Meinungen. Nur unabhängig müssen auch meine Ziele sein und die höchsten innerhalb ihrer Unabhängigkeit – mindestens so wie weiland Ferdinandea.


www.gipfel-und-grenzen.eu

www.gipfel-und-grenzen.de/inhalt/ferdinandea.php

 
06.09.2010 14:00:02