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Ötztaler Hufeisen

24. August 2006
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von: Martin L.
Land: Österreich
...oder was davon übrig blieb
7.-13. August 2006

Seit Tagen hatte es in den Alpen geregnet und geschneit, so dass wir schon befürchten mussten, die Tour gänzlich abzublasen. Die Schneefallgrenze lag bei knapp 2800m und die Tour spielte in Regionen von 2400m bis 3455m. Vorgesehen war das so genannte Ötztaler Hufeisen auf der eisfreien Route, also von Vent über das Wilde Mannle (3023m) zur Breslauer Hütte, dann über den Urkundkolm (3134m) zur Vernagthütte, weiter über die Guslarspitze (3128m) zum Hochjochhospiz, dann die Überquerung vom Rofenbachtal ins Niederjochbachtal über den Saykogel (3355m) und von der Martin-Busch-Hütte zur Kreuzspitze (3455m).
Nun kamen wir am 7. August abends in Vent in der Bergsteigerunterkunft Haus Eberhard (Tipp: 19 Euro die Nacht inkl. Frühstück) an, es regnete leicht und der Pessimismus stieg weiter. Die erste niederschlagende Nachricht war dann, dass Saykogel und Kreuzspitze auf Grund des vielen Schnees nicht begehbar sind. Der Rest der Tour sollte jedoch, wenn das Wetter mitspielte, machbar sein.

Dienstag 8. August
Vent – Wildes Mannle – Breslauer Hütte

Die Sonne schien diesen Morgen und wir konnten zum ersten Mal die Ötztaler Berge sehen, so dass wir frohen Mutes auf sonnige Tage loszogen. Von Vent aus über die Autobrücke, wo ich dann noch merkte, dass ich ja noch meine Turnschuhe statt der Wanderschuhe anhatte und noch mal kehrt machen musste, ging es dann schon gleich schlammig entlang der Wildspitzsesselbahn bergauf. Und siehe da: der Himmel zog sich zu, es wurde neblig und kalt, aber immerhin regnete es ja nicht, also gingen wir dem Wilden Mannle entgegen. Ab der Sesselbergstation, wo gleich massenhaft Wanderer zu uns stießen, war das steilste Stück geschafft. Jetzt ging es erst einmal ein Stück breiten Weg Richtung Breslauer Hütte bis es rechts auf einen schmalen Pfad zum Wilden Mannle abzweigte. Am Fuß der Felsen trafen wir auf den ersten Schnee

Zum Wilden Mannle steigt der Weg über einige felsige Passagen in der Südflanke an, durch den Schnee war es hier teilweise etwas rutschig, da aber eine breite Spur bereits getreten war, stellte dies kein Problem dar. Je höher wir kamen, desto tiefer wurde der Schnee und kurz unterhalb des Gipfelkreuzes war schon so gut wie kein Fels mehr zu sehen. Wie im tiefsten Winter kam es uns vor, als wir am Gipfelkreuz in Schnee und Nebel, bei eisigem Wind standen und zitterten. Von dem Versuch Saykogel und Kreuzspitze zu besteigen nahmen wir erst einmal Abschied, da wir hier auf 3023m schon im tiefsten Schnee standen. Vom Wilden Mannle, so heißt es, hat man einen tollen Blick auf Rofenkarferner und Wildspitze. Mehr als die imposante Gletscherzunge samt blauem See sahen wir jedoch nicht. Nur ein kleiner Enzian lugte unter dem Schnee empor und noch mehrere Wanderer bestiegen den Gipfel.

Lange hielten wir es in der Kälte nicht aus und wir machten uns auf den Abstieg hinein in das Rofenkar. Über eine kurze gesicherte Seilstelle und die Randmoräne des ehemaligen Gletscherbettes erreichten wir den bereits erwähnten See unterhalb der Gletscherzunge. Wir durchquerten den Gletscherschliff, steigen die andere Moräne wieder hinauf und gelangten endlich zur Breslauer Hütte, wo wir erst einmal etwas Warmes zu uns nahmen.

Und als wir dann abends so in der Hütte saßen und aus dem Fenster schauten erblickten wir plötzlich tatsächlich ein Bergpanorama. Aufstehen, Schuhe an und raus, hieß es! Also spazierten wir noch ein bisschen um die Hütte, ein Stück den Urkundkolm hinauf, bis die Spuren aufhörten und ein Stück am Panoramaweg entlang. Wildes Mannle, talleitspitze, Kreuzspitze und Finailspitze standen in der Sonne. Das war doch noch mal eine Belohnung für die Mühen des Tages.

Mittwoch 9. August
Breslauer Hütte – Vernagthütte

Der Mittwoch begann noch schöner als der Dienstag aufgehört hatte. Klare Sicht und nur einzelne kleine Nebelwölkchen im Tal. Bestes Wetter für den Seuffert-Panoramaweg Richtung Vernagthütte. Wir entschieden uns allerdings erst für einen zweiten Aufstieg auf das Wilde Mannle, denn wir wollten sie unbedingt sehen, die Wildspitze, den höchsten Berg Tirols. So starteten wir also um 7 Uhr und sollten dann schließlich die ersten am Gipfel sein.

Schon die Durchquerung des Rofenkars war ganz anders wie am tag zu vor. Der weiße Gletscher und der blaue Himmel spiegelten sich traumhaft im See. Je höher wir auf das Wilde Mannle stiegen, desto mehr wurde der Blick frei auf die Wildspitze hinter dem Rofenkarferner.

Am Gipfel genossen wir noch ein paar Minuten das überwältigende Panorama, bevor doch wieder größere Nebelfelder die Hänge hinauf schlichen. Wir bekamen sogar Besuch von einem wild durch die Gegend hüpfenden Steinmarder, der ab und zu hinter einem Stein aufschaute und uns beobachtete.

Wir waren immer noch der Hoffnung, dass der herein ziehende Nebel bald wieder verschwunden sei, als wir an der Breslauer Hütte vorbei den Weg Richtung Vernagthütte einschlugen. Doch vom Panorama sollten wir doch erst einmal wieder nichts sehen.

Der Seuffertweg bewegt sich gemütlich immer auf etwa einer Höhe bleibend und man hat bestimmt einen tollen Rundblick... So liefen wir halt im Nebel, das kannten wir ja schon.

Doch wiederum hatten wir Glück: Nachdem der Weg einen großen Rechtsbogen macht und quasi genau auf den großen Vernagtferner zusteuert, kam die Sonne abermals zum Vorschein, so dass wir in ein beeindruckendes Amphitheater aus Eis und Fels schauen konnten und am anderen Ende des kleines Tales die Vernagthütte schon sahen, die es über eine riesige Randmoräne (halbstündiger Anstiegt) zu erreichen galt. Wir waren dann aber auch am Ende unserer Kräfte, als wir die Moräne hinauftrotteten, langsam und beschwerlich. So war diese „Überbrückungsetappe“ doch noch zur „Königsetappe“ geworden. Ach übrigens: Der Abend war wieder ganz vernebelt.

Donnerstag 10. August
Vernagthütte – Mittlere Guslarspitze (3128m) – Hochjochhospiz

Am nächsten Morgen wurden wir dafür wieder von strahlendem Sonnenschein und drei quirligen Murmeltieren begrüßt. Das bedeutete vor dem frühstück erst einmal einen Fotospaziergang um die Hütte. Das ganze Gebiet des Vernagtferners mit Hochvernagtspitze und Fluchtkogel waren zu sehen, die Guslarspitzen mit dem Guslarferner und der Blick ins Tal mit Talleitspitze und Kreuzspitze.

Der Weg zum Hochjochhospiz verläuft im ähnlichen Profil wie der Seuffertweg und führt halb um die Guslarspitzen herum. Je näher man dem Hochjochhospiz kommt, desto weiter öffnet sich der Blick in die Gletscherwelt der Finailspitze und Graue Wand. Dort wo sich der Weg gabelt in Deloretteweg zum Brandenburger Haus und Abstieg zum Hochjochhospiz, liegt links vor und in strahlendem weiß die Finailspitze, wir sehen das Sommerskigebiet am Hochjochferner und die Seilbahnstation der Schnalstalbahn auf der Grauen Wand. Direkt vor uns fließt der lang gezogene Hintereisferner vom Weißkugel herunter.

Die Weißseespitze wird leider von den davor befindlichen Gipfeln verdeckt. An dieser Kreuzung sollte laut Karte ein gezeichneter Weg auf die Mittlere Guslarspitze führen, da wir aber auch nach längerem suchen nichts der gleichen fanden, beschlossen wir, die Rucksäcke schon mal am Hochjochhospiz abzustellen und der Hüttenwirt nach dem Weg zu fragen. Dieser ist nämlich in der Kompass-Wanderkarte falsch eingetragen. Er beginnt nicht an dem Abzweig, sondern ein ganzes Stück weiter am Deloretteweg.

Bis zum Gipfel der Mittleren Guslarspitze (3128m) legen wir noch einmal sehr anstrengende 700 Höhenmeter zurück. Es ist steil, rutschig und matschig und oben liegt wieder ein bisschen Schnee, allerdings weit weniger als auf dem Wilden Mannle. Vielleicht können wir den Saykogel doch überschreiten?

Je näher wir dem Gipfel kamen, desto mehr Wolken kamen leider auch über die Gipfel gezogen. Es war dann zwar sehr dunkel, man konnte aber immer noch ganz viele der Berge ringsherum sehen, da die Wolken sehr hoch hingen.
Auf dem Abstieg liefen wir noch ein paar Meter den Deloretteweg in Richtung Brandenburger Haus, um von oben in die Spalten des mächtigen Kesselwandferners zu schauen. Atemberaubend!
An diesem Abend, es fing dann aufs heftigste an zu schneien, waren wir mindestens genauso erschöpft wie am Tag zuvor. Dabei sollte dies definitiv ein Ruhetag werden.

Freitag 11. August
Hochjochhospiz – Saykogel – Bella Vista


Der Tag begann grau, die Guslarspitzen waren mit Neuschnee gezuckert und wir wollten uns den Saykogel zumindest einmal aus der Nähe betrachten und wenn die Überschreitung nicht möglich war zur Bella Vista wandern. Es war die Tour ins Ungewisse, ein unbekanntes Abenteuer, bei dem der anstrengende, lange und sehr steile Anstieg zu den beiden Seen unterhalb des Gipfelgrates des Saykogels uns eigentlich keine Mühe machte. Hier oben wurde es kalt und nass. Wir wollten so weit wie möglich kommen und eventuell doch die Martin-Busch-Hütte auf der anderen Seite erreichen. Als wir die Felsplatten schon hinter uns gelassen hatten, der Steig immer schmaler und steiler wurde, wurde uns doch etwas mulmig. Dennoch schritten wir immer weiter voran. Die Zeichen waren zu erkennen und eine alte, leicht bedeckte Spur zu sehen

Allerdings mussten wir uns immer häufiger mit den Fußspitzen die Tritte in den Schnee reinhauen, um einen Trittpunkt zu erhalten. Hände und Teleskopstöcke waren unverzichtbar. An einigen Stellen haben wir gehofft nicht abzurutschen, man musste ganz schön kraxeln. Was in dem tiefen Schnee nicht ganz ungefährlich war. Als wir schließlich einen Grat erreichten, auf den es weiterging, wurde es uns dann doch zu gefährlich. „Hier drehen wir um.“ Der Abstieg war noch viel rutschiger und schwieriger als der aufstieg und ohne Krödeln nicht zu leisten gewesen. Die Krödeln haben uns aber dann doch wieder sicher vom Saykogel getragen und zwar ohne nennenswerte Probleme.

Inzwischen hatte es auch angefangen zu schneien. Also liefen wir den ganzen steilen berg wieder hinunter und schlugen den Weg zur Bella Vista ein, auf dem es wettertechnisch auch immer besser wurde und die Sonne sich immer mehr zeigte.

So ging es eine Zeit lang immer am hochjochferner entlang, bis zu einem breiten Bach. Über diesen führte sowohl ein Brücke als auch eine Seilbahn, mit der man sich hinüberziehen konnte.

Man nahm auf einem Holzbrett platz und zog sich mit Hilfe eines Seiles über die „Schlucht“.

Hinter der Zollhütte am Hochjoch überquerten wir die Grenze nach Italien. Der Blick fiel ins Schnalstal und auf die Graue Wand, die in der Sonne hinter dem Gletschersee leuchtete.

Samstag 12. August
Bella Vista – Vent

Der Tag ist kurz beschrieben: 6 Stunden Schnee, Regen und Nebel.
Im ersten Teil von der Bella Vista (die heute keine war) bis zum Hochjochhospiz trotteten fünf Schafe eine Zeit lang gemütlich vor uns auf dem Weg entlang, warteten ab und zu auf uns, bis wir ihnen klargemacht hatten, dass wir nicht ihre Hirten waren. Für ein paar Minuten schaute am Hospiz die Sonne hervor, doch den Rest des Weges nach Vent verbrachten wir im strömenden regen und zeitweise im Schnee. Landschaftlich ist der Cyprian-Granbichler-Weg äußerst reizvoll. Er führt oberhalb einer wildromantischen Klamm ins Tal. Zu schade, dass die TIWAG hier einen 170 Meter hohen Staudamm errichten will.

Über die bekannte Hängebrücke bei den Rofenhöfen geht es eben nach Vent hinein, wo wir pitschnass in der Bergsteigerunterkunft Eberhard an Land gingen.
Nachdem es dann abends aufgehört hatte zu regnen, machten wir noch einen kleinen Spaziergang um den Sonnenuntergang zu schauen. Am hohlen Stein, ein altes Jägerlager aus Ötzizeit, konnte man noch mal die Berge ringsherum genießen.

Sonntag 13. August
Klettersteig Lehner Wasserfall

Der Abreisetag begann wie im Bilderbuch. Sonne satt. Deswegen beschlossen wir zum Abschluss noch einen kleinen Klettersteig mitzunehmen. In Längefeld liegt wohl der schönste Klettersteig des Ötztals, der am Lehner Wasserfall.

Auf 300m Länge überwindet er 180 Höhenmeter und man steigt immer parallel zum tosenden Wasserfall über Eisenstufen und Tritte in der Wand auf. Ein tolles Erlebnis für meinen ersten Klettersteig und ein rundum gelungener Urlaub, auch ohne Kreuzspitze!

 
08.02.2012 21:40:01