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Meistens geht es gut

2. Januar 2007
Bewertung: leerer Bewertungspunkt leerer Bewertungspunkt leerer Bewertungspunkt leerer Bewertungspunkt leerer Bewertungspunkt
(0 bei 0 Bewertungen)
von: OldmanDeli
Land: Österreich
(Eine Geschichte zum Nachdenken)
Gedanken über eine Reise in die fantastische Welt der Stubaier Hochalpen

Gipfelerlebnisse

Gletscheranstieg um Zuckerhütl
Gletscheranstieg um Zuckerhütl
„Das Leben besteht nicht in der Hauptsache aus Tatsachen und Geschehnissen.
Es besteht im Wesentlichen aus dem Sturm der Gedanken, der jedem durch den Kopf tobt.“
Mark Twain


Es ist Anfang September 2005. Ich stehe am Ostgrat des Wilden Pfaff. Über mir dichte Wolken. Die Erlebnisse am 3.505 Meter hohen steil aufragenden Gipfel des Zuckerhütl und dem 3.456 m hohen Wilden Pfaff haben mich und meine drei Weggefährten nachhaltig beeindruckt. Überaus stolz auf unsere Gipfelsiege kann uns scheinbar nichts mehr aus der Ruhe bringen. Lediglich der Abstieg vom Wilden Pfaff hinunter zur 3.149 m hohen Müllerhütte steht uns am heutigen Tag noch bevor.

Drahtseilsicherung

Drahtseilsicherung
Drahtseilsicherung
Die zu bewältigende Schwierigkeit, nämlich der Klettergang über kantigen steilen Fels hinunter zum Gletscher, erweist sich als sehr anspruchsvoll und unerwartet spannend. Nur wenige Höhenmeter unterhalb des Gipfels stehen wir plötzlich vor einer sehr glatten steil abfallenden Felsplatte. Ein etwa 20 Meter langes Drahtseil ist hier verankert und unterstreicht in eindrucksvoller Weise, wie luftig dieser Teil des Weges tatsächlich ist. Die steilen Felsabbrüche links und rechts von uns enden irgendwo weit unten am Rande der Gletscher. Mehrere Hundert Meter Fallhöhe trennen uns vom ewigen Eis und lassen viel Platz für Schreckensphantasien.

Meine Gedanken heben ab und fallen in ein tiefes Loch. Was ist bloß los? Hoch über dem Abgrund kämpfe ich nun mit mir selbst und stelle fest, dass ich in diesem Moment irgendwie nicht so recht weiß, wie es weitergehen soll. Anders meine drei Begleiter. Ich beobachte, wie sie sich mit ihrem schweren Gepäck der Reihe nach in das durchhängende Drahtseil hängen und sich über die glatte Felsplatte nach unten ziehen. Voll konzentriert und ohne überflüssige Kommunikation mache auch ich den ersten Schritt in diesen steilen Übergang und turne irgendwie hinab zu den anderen.

Erfahrungen am Abgrund

Ostgrat
Ostgrat
Im Glauben, nun das Schlimmste geschafft zu haben, stehe ich anschließend ungläubig vor dem weiteren Verlauf der Gratkletterei. Etwas mühsam und nur bei vollstem Bewusstsein suche ich nach geeigneten Stellen, um meinen Stand zu sichern. Hoch über dem Nichts hänge ich im Fels und verwünsche meine Tourenplanung, die mich hierher brachte.

Tapfer setzen die drei vor mir keuchend ihren felsigen Abstieg fort. Irgendwann merke ich, dass sich mir kein geeigneter Felsvorsprung für einen sicheren Tritt mehr bietet. Ich rutsche mit dem Rucksack zwischen zwei engstehende Felsen und hänge so plötzlich mit den Beinen frei über dem Abgrund. Die anderen sind genug mit sich selbst beschäftigt. Nur einer erkennt die Aussichtslosigkeit meiner Lage und steigt erneut zu mir auf, um mir zu helfen.

Mit viel Geduld und noch mehr Kraftaufwand gelingt es mir schließlich, meinen unmöglichen Platz zu verlassen. Ich steige ein Stückchen nach oben und finde endlich einen geeigneten Abstiegsweg.

Für einige Minuten verliere ich meine Trittsicherheit, hadere um den nächsten freien Schritt auf der steilen Felskante.
Nach einer scheinbar nicht enden wollenden unfreiwilligen hochalpinen Lehrstunde erreichen wir schließlich die untere Felskante und betreten das herbeigesehnte scheinbar sichere Gletschergelände.

Am Abend wird dieses Erlebnis sicherlich Thema Nr. 1 am Tisch in der sicheren Hütte sein.

Gedanken

Aussicht Richtung Becherhaus
Aussicht Richtung Becherhaus
Irgendwann sitzen wir dann gemütlich in der Müllerhütte zusammen und bringen das Erlebte auf einen Nenner: Nicht ungefährlich war die ganze Sache, aber es hatte was! Man braucht eben ab und zu einmal einen solchen Nervenkitzel, oder nicht??! Alles gutgegangen! Für unsere Verhältnisse ein Highlight! Ein Abenteuer!

Zum Sonnenuntergang stehe ich auf der Hüttenterrasse hoch über dem Gletscher. Die untergehende Sonne rückt alles in ein märchenhaftes Licht. Dort drüben auf dem Gipfel des Bechers steht eindrucksvoll das Becherhaus und hebt sich deutlich vom abendlichen Himmel ab.
Meine Gedanken drehen sich im Kreis.
Das war ganz schön knapp!
Ich beschließe, mich nie wieder in eine solche Situation, wie sie mir heute begegnet ist, zu bringen!

Weiter geht´s

Bergsee  nahe Siegerlandhütte
Bergsee nahe Siegerlandhütte
Dennoch:
An den folgenden Tagen überqueren wir mit großer Hingabe und Motivation spaltenreiche Gletscher, überwinden steile Klettersteige, feiern den Sieg über den 3.419 m hohen Gipfel des Wilden Freigers und erreichen auf spektakulären Wegen das fast 3.200 m hohe traumhaft gelegene Becherhaus..

Nach dem Start am Becherhaus, mitten auf dem Übeltalferner, öffnet sich plötzlich unter mir der dunkle eisige Schlund einer heimtückisch versteckten Gletscherspalte, schnappt nach meinem rucksackbehangenen Körper und erinnert uns alle nochmals auf sehr krasse Art und Weise daran, dass wir uns zwar an einem unglaublich schönen aber auch lebensfeindlichen Ort befinden.

Nur die Nutzung aller uns zur Verfügung stehenden alpinen Hilfsmittel wie Steigeisen, Seil, Hüft- und Schultergurte sowie Eispickel ermöglicht uns hier oben ein solches Erlebnis.

Der eiskalte Große Schwarzsee in 2.574 m Höhe kommt uns einige Stunden später für eine ausgiebige Rast gerade gelegen. Später erreichen wir die Siegerlandhütte, 2.710 m und einen Tag später die 2.900 m hohe Hildesheimer Hütte.

Eine Erlebniswoche geht vorbei

"Weg" nahe Hildesheimer Hütte
Nach einer unvergleichlichen Woche in der Stubaier Eiswelt, in der uns natürlich auch der unübersehbare Schwund des vermeintlich ewigen Eises nicht verborgen bleibt, sitzen wir schließlich auf der Dresdner Hütte, 2.308 m, lassen es uns bei gutem Essen und Trinken gut gehen und schmieden Pläne für das nächste Jahr.

Ein erster Viertausender ist im Gespräch! Warum eigentlich nicht!?

Meistens geht es gut!

unvergessliche Erinnerungen

Aufstieg zum Wilden Freiger
Aufstieg zum Wilden Freiger
unser Weg durch die Stubaier Hochgebirgswelt:
Dresdner Hütte, 2.308 m - Eisgrat, 2.850 m - Jochdohle, 3.149 m -Hildesheimer Hütte, 2.900 m - Pfaffenjoch, 3.213 m - Zuckerhütl, 3.505 m - Wilder Pfaff, 3.457 m - Müllerhütte, 3.148 m - Wilder Freiger, 3.419 m - Becherhaus, 3.195 m - Schwarzwandscharte, 3.059 m - Großer Schwarzsee, 2.514 m - Windachscharte, 2.846 m - Siegerlandhütte, 2.710 m - Triebenkarsee, 2.690 m - Gamsplatzl, 3.018 m - Hildesheimer Hütte. 2.900 m - Dresdner Hütte, 2.308 m

erlebt von Detlef Lippek

 
08.02.2012 21:40:01