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Piz Bernina - Biancograt

26. Juli 2005
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(3.1 bei 10 Bewertungen)
von: Pulverer
Land: Schweiz

Mittwoch, 09.06.2004

Endlich ist es so weit. Mittlerweile ist schon wieder viel Zeit seit meiner letzten großen Bergtour vergangen und entsprechend groß ist meine Vorfreude. Ein weiteres Mal soll es in die Schweiz gehen. Leider sind wir diesmal nur zu dritt, da weder Max (Gruber) noch Matthias (Steinberger) Zeit haben mitzufahren. Ursprünglich wollten wir ja über den Mittellegigrat auf den Eiger, aber dafür sind wir laut Angaben der Schweizer Bergführer noch zu früh dran. Der Mittellegigrat im Winter wurde das letzte Mal 1989 gemacht, noch dazu in einem schneearmen Winter ... nicht unbedingt was für uns. Wir haben beschlossen, dieses Vorhaben zu verschieben, unter anderem, da der Mittellegigrat nur schwer in einer 3er Seilschaft bestiegen werden kann. Unser zweiter Favorit war der Mt. Blanc bzw. die Mt. Blanc-Überschreitung, für mich ein sehr reizvolles Unternehmen, nicht zuletzt weil ich noch nie in dieser Gegend, geschweige denn auf diesem Berg war. Aber auch diesmal wird nichts daraus, da die Seilbahn, die einen fast bis zur Hütte hinaufbringt, derzeit geschlossen ist. Für einen langen Aufstieg vom Tal aus hat niemand von uns Lust. Somit fällt unsere Wahl auf den höchsten Berg der Ostalpen, den Piz Bernina. Er ist der einzige 4000er der Ostalpen und laut diversen Büchern der dominanteste Berg der Schweiz. Angeblich kann man seinen Gipfel sogar von Mailand aus sehen. Umgekehrt soll man von seinem Gipfel die Berge und Täler von Graubünden bis Tirol und Südtirol sowie über die Innerschweiz ins Berner Oberland und Wallis bis hin zum „Barre des Ecrins“, dem südlichsten Viertausender der Alpen, überblicken können.

Der Piz Bernina wurde erstmals 1850 in einem 20-stündigen Gewaltmarsch vom einheimischen Oberforstinspektor Johan Coaz und zwei seiner Bergkameraden bestiegen. Eine bemerkenswerte Leistung: 2300 Höhenmeter und 24 Distanzkilometer. Der Normalweg auf den Gipfel führt von der Bovalhütte oder Diavolezza über Fortezza, Bellavistaterrasse, vorbei am Rifugio- Marco-e-Rosa und über den Spallagrat. Unter Kennern gilt dieser Aufstieg als „Schneehatscher“ und über diese Route ist der Berg auch für weniger ambitionierte Alpinisten zugänglich. Außerdem ist es laut Führer die einzige Möglichkeit, den Berg auch im Winter zu besteigen. Auf dem Normalweg erleichtert das Rifugio-Marco-e-Rosa-Demarchi, wie die Unterkunft des Italienischem Alpenclubs offiziell heißt, den Aufstieg. Sie steht am Fuß des Spallagrats, genau auf der Grenze Schweiz/Italien. Die im Jahr 2002 umgebaute Hütte an der Wetterscheide zwischen Nord und Süd bereitet immer wieder Unterschlupf, wenn plötzlich Schlechtwetter einfällt.

Wir haben uns für eine andere, anspruchsvollere Aufstiegsvariante entschieden. Den angeblich schönsten Firngrat der Ostalpen, den Biancograt. Genauer gesagt für eine Überschreitung über den Biancograt und den Piz Alp (Piz Bianco), weiter über Piz Bernina bis zur Marco-e-Rosa Hütte.

Um 19.00 treffe ich mich mit Tom in Golling und gemeinsam geht es weiter nach Innsbruck, wo Berni zusteigt. Kurz sprechen wir noch über Details der morgigen Tour, bevor wir in Bernis neuer Wohnung ankommen.

Donnerstag. 10.06.2004

Aufstieg Rosegtal
Aufstieg Rosegtal
Gut ausgeschlafen erwartet uns ein eher mageres Frühstück. Berni gilt zwar als erfahrener Expeditionskoch, jedoch Einkaufen ist nicht seine Stärke. Zu dritt löffeln wir Müsli mit Milch aus einem Teller. Im Anschluss geht es mit Toms Hilti-Auto über den Reschenpass nach Pontresina. Wer Berni kennt weiß, dass er ziemlich grantig wird, wenn er hungrig ist. Nach dem Motto „ohne Mampf kein Kampf“ kaufen wir uns noch schnell in einem kleinen Restaurant am Bahnhof überteuerte Sandwichs, bevor wir die Ausrüstung aufteilen, unsere Rucksäcke zusammenpacken und um 14.15 Uhr losmarschieren. Der Aufstieg über das Rosegtal zur Tschiervahütte führt zuerst entlang einer breiten Forststraße bis zum Hotel Roseg. Der Weg erinnert uns ein wenig an Trekking im Santa Cruz Tal in Peru, alles voller Pferdemist. Stündlich fährt hier eine Pferdekutsche vorbei, die die Gäste von Pontresina zum Hotel führt und wieder zurück. Nach 1,5 Stunden erreichen wir das Hotel. Hier endet auch die Straße und es geht endlich bergauf. Nach ca. 3,5 Stunden erreichen wir um 17.45 die Tschiervahütte. Endlich mal ein Winterraum für uns alleine. Die Hütte liegt 2583 m ü. M. direkt gegenüber der spektakulären Nordwand des Piz Roseg. Wasser gibt es direkt vor dem Haus, Brennholz ist auseichend vorhanden, einfach optimal. Tom und ich beschließen, den Weiterweg für morgen noch ein wenig zu erkunden, Berni fühlt sich nicht so gut und bleibt lieber in der Hütte. Zur besseren Orientierung sind hier Reflektoren an den Felsen angebracht. Da der Weg nach 200 Hm immer noch gut aussieht, halten wir es nicht für notwendig noch weiter aufzusteigen und steigen wieder zur Hütte ab. Endlich komme ich dazu, die Firngleiter zu testen. Funktioniert einwandfrei, ich freue mich schon auf morgen, wenn wir elegant vom Gipfel abschwingen werden. Berni hat inzwischen seinem Ruf alle Ehre bereitet und für uns Suppe und Spaghetti gekocht. Dazu wird Rotwein gereicht, den Tom für uns zur Hütte raufgeschleppt hat. Berni ist der Ansicht, sein Rucksack sei zu schwer und er müsse was wegschmeißen. Bereitwillig serviert er uns Wurst und Käse, die er eigentlich für morgen mitgenommen hat. Wieder ein paar Gramm weniger zu schleppen. Nach dem Essen bereiten wir alles für unsere morgige Tour vor. Die Thermoskanne wird gefüllt und nochmals wird nachkontrolliert, ob wir wohl alles dabei haben. Ich bin froh, dass ich es diesmal geschafft habe, meinen Rucksack relativ klein zu halten. Alle Ausrüstungsgegenstände, die ich sonst für eventuelle Notfälle dabei habe, sind im Tal geblieben. So auch meine Überhose, die habe ich außer in Peru noch nie wirklich gebraucht, auch die Reserveunterwäsche, Reservehandschuhe, Reservehaube und Socken habe ich nicht dabei. Ich bin motiviert und guter Dinge, dass wir morgen nachmittags bereits in der Marco-e-Rosa Hütte sind, da kann ich ja meine Wäsche wieder trocknen und für die paar Stunden reichen mir auch 2,5 Liter Tee und ein paar Müsliriegel. Nur mit geringem Gewicht ist man schnell. Und Schnelligkeit ist ja bekanntlich Sicherheit. Nur der Biwaksack ist bei einer Hochtour unerlässlich.
Um 23.00 Uhr legen wir uns schlafen, im Gedanken bin ich schon am Firngrat.

Freitag, 11.06.2004 - Zustieg

4.20 Uhr, Tagwache. Zum Frühstück gibt es reichlich Speck, Käse und Brot. Ich versuche, möglichst viel zu trinken, später werde ich die Flüssigkeit benötigen. Wir haben alle gut geschlafen, wenn auch das frühe Aufstehen Berni wie immer schwer fällt. Obwohl wir wissen, dass die Seilschaften, die im Sommer unterwegs sind noch früher losmarschieren, machen wir uns keinen Stress, wir haben den ganzen Tag Zeit, wir sind ja alleine.

Um 5.15 Uhr ist es endlich soweit. Es ist bereits hell, wir benötigen keine Stirnlampen. Vor uns liegt ein großes Unternehmen mit zeitweise beträchtlichen Schwierigkeiten und Gefahren, wobei laut diversen Tourenbeschreibungen die Schwierigkeiten sehr von den Verhältnissen abhängen. Bei einer Sommertour liegen die Schwierigkeiten bei III bis III+ bei schlechten Verhältnissen jedoch auch deutlich darüber. Die erste Etappe ist der Aufstieg zur Fuorca Prievlusa. Der Weg führt weit oberhalb des Gletschers (Vadred da Tschierva) in der Flanke des Piz Morteratsch. Auf Grund der großen Steinschlaggefahr setzen wir unsere Helme auf. Teilweise sind kleinere Schneefelder zu überqueren. Plötzlich endet der Weg. Wahrscheinlich sind wir an jener Stelle angelangt, wo vor ca. 10 Jahren ein Felssturz den Weg weggerissen hat. Nach einer etwas heiklen Hangquerung und kurzer Wegsucherei steigen wir schließlich nach rechts unten ab und beschließen nun, den Gletscher entlang zur Scharte aufzusteigen. Zu meiner Verwunderung wollen sich Tom und Berni nicht an das „umständliche Seil“ hängen, nach ein paar überzeugenden Argumenten meinerseits hängen wir uns doch zusammen. Leider sind die Verhältnisse nicht gerade optimal. Es war in der Nacht nicht kalt genug, um die oberste Schneeschicht zufrieren zu lassen, sodass wir knietief im Schnee versinken. Mühevolles Spuren im schweren Schnee kostet Kraft und Zeit. Natürlich ist uns klar, dass wir bei diesen Verhältnissen keine Chance haben, in der im Führer angegebenen Zeit, die für sommerliche Verhältnisse und ausgetretene Spur gilt, die Fuorca Prievlusa zu erreichen. Abwechselnd spurend geht es nunmehr angeseilt über mehrere kleinere Spalten den Gletscher hoch. Jetzt wird es flacher, wir haben das obere Gletscherbecken erreicht. Vor uns der 45° geneigte Schlusshang vor der Gratschneide. Zuerst müssen wir die Randspalte überwinden, was jedoch dank eines Lawinenkegels nicht besonders schwer fällt. Jetzt wird es so richtig anstrengend und wir müssen Steigeisen anlegen und den Pickel verwenden. Im steilen Gelände versinken wir teils bis zur Hüfte im Schnee. Berni und ich wechseln uns beim Spuren ab; so stelle ich mir die Lhotse-Flanke vor. Ich denke, für die vorherrschenden Verhältnisse liegen wir mit der Zeit gar nicht so schlecht. Nach 5 Stunden stehen wir auf der Scharte. Der unglaubliche Tiefblick auf den Morteratschgletscher lässt uns die Anstrengungen bald vergessen.

Freitag, 11.06.2004 - Felsgrat

Jetzt sollte eigentlich der Felsbereich beginnen. Die vorherrschenden Verhältnisse lassen mich jedoch kurz an unserem Vorhaben zweifeln. Soweit wir das von hier überblicken können, ist der gesamte Felsgrat mit einer Schnee-Eis-Schicht überdeckt. Doch ich fühle mich fit und steige vor. Ich quere am unteren Rand der Felsen nach rechts (Tschierva Seite) und klettere anschließend eine Verschneidung hoch. Von den hier angeblich reichlich vorhandenen Bohrhaken sehe ich nicht viel, die dürften wohl unter der Schneeschicht versteckt sein. Dennoch finde ich natürliche Sicherungsmöglichkeiten, die ein ausreichendes Sichern zulassen. Teilweise muss ich die Griffe erst vom Schnee befreien, was es nicht zulässt, dass ich beim Klettern die Handschuhe ausziehen kann. Ohne Steigeisen geht gar nichts, überall noch Schnee und Eis. Nach 2 Seillängen erreiche ich den eigentlichen Grat. Es wird aber nicht einfacher. Wechten, die drohend am Grat hängen, muss ich durchwühlen, um von der rechten Seite des Grates zur linken zu queren und umgekehrt. Plötzlicher Stop. Tom hat ein Steigeisen verloren. Gott sei Dank hat er es sofort bemerkt und schnallt es schnell wieder an. So ein kleiner Fehler kann hier fatale Folgen haben. Nicht auszudenken, wäre im das Steigeisen über die Flanke nach unten gefallen. Weiter geht’s. Etwas später können wir auch direkt auf der Wechte entlang klettern, jedoch immer der Gefahr ausgesetzt, dass diese unter uns nachgeben könnte. Jetzt macht es sich langsam bemerkbar, dass diese - ja fast noch Winterbesteigung- anstrengender ist, als ich angenommen hatte. Ich bin froh, wenn diese 2. Etappe, der Felsgrat, zu Ende ist und ich die Vorstiegsarbeit abgeben kann. Nach 2 weiteren Stunden erreichen wir das Ende des Grates.

Freitag, 11.06.2004 - Firngrat

Vor uns der scheinbar unendlich lange Firngrat, der so viele Bergsteiger träumen lässt und deshalb oft auch Himmelsleiter genannt wird. Wir haben schnell ausgeträumt. Eindringlich werden wir daran erinnert, dass man an solchen Graten doch ziemlich den Verhältnissen ausgesetzt ist, und diese scheinen nicht besonders gut zu sein. Inzwischen ist das Wetter schlecht geworden. Von Süden nähert sich eine bedenkliche Wolkenfront und es wird kühler. Bevor wir weiterkönnen, müssen wir uns über eine kurze ca. 20 Meter hohe Wand abseilen. Jetzt wird mir auch klar, warum niemand diese Route abklettert, die Schwierigkeiten dieser kurzen Wand liegen wohl im 4.Grat, bei unseren Verhältnissen vielleicht sogar etwas darüber. Ich nenne die Stelle Hillary-Step. Noch immer sind wir angeseilt, was jedoch mehr psychische Hintergründe hat, als sicherheitstechnische. Würde einer von uns jetzt ausrutschen, reißt er uns alle mit, wir hätten keine Chance, den Sturz abzufangen. Wie weit würden wir wohl fallen? 300, 500, 700 m? Besser ich denke nicht darüber nach. Jetzt wird das Wetter wirklich schlecht. Die Berge rundherum sind schon in dichte Wolken gehüllt. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Der Weg zurück wäre wesentlich weiter als über den „leichten“ Firngrat und den Gipfel zur schützenden Marco-e-Rosa-Hütte. Berni spurt, die Anstrengung dabei ist ihm ins Gesicht geschrieben. Jetzt ist äußerste Vorsicht geboten. Ein großer Felspfeiler versperrt den Weg und wir müssen links unterhalb vorbeiqueren. Die Lawinengefahr ist beträchtlich. Ich mache Tom darauf aufmerksam, dass er genügend Abstand halten soll, um die zusätzliche Belastung durch uns Bergsteiger möglichst zu verteilen. Geschafft, wir sind wieder am Grat. Mittlerweile sind wir 8,5 Stunden unterwegs. Ich spüre mittlerweile die Anstrengung, das Klettern und Sichern hat mich doch mehr mitgenommen als vermutet. Aber das ist es nicht, was mir Sorgen macht. Wir wissen immer noch nicht wie die Verhältnisse weiter oben, am Übergang vom Piz Bianco zum Piz Bernina, sind. Welche Schwierigkeiten werden uns erwarten, ist es überhaupt machbar? Wir wissen, es gibt kein Zurück mehr. Ich bin froh, dass Tom bei uns ist. Ich weiß, dass er immer unglaubliche Kondition hat, und die können wir jetzt brauchen. Tom, bislang eher verschont
geblieben, fackelt wie üblich nicht lange und geht vor. Jeder Meter ist ein Kampf. Alle 20 Schritte muss er kurz stehen bleiben – es geht nur sehr langsam voran. Ich weiß nicht, wie viele Höhenmeter noch vor uns liegen, ich will nicht mehr nachschauen. Aber ich glaube, Tom hat bereits die Hälfte des Weges alleine gespurt. Ohne stehen zu bleiben überwinden wir eine Querspalte, die nur spärlich von Schnee bedeckt ist. Weiter oben lassen sich Blankeisstellen erkennen. Das stört mich nicht weiter, denn das Klettern im Blankeis ist vielleicht weniger anstrengend als das „Wühlen“ im Firn. Berni hat wieder die Führung übernommen. Teilweise öffnen sich die Wolken und der Blick auf den Piz Bernina wird frei. Immer noch weit entfernt. Jetzt kommen wir zu einem tiefen Einschnitt im Grat, direkt vor einem relativ steilen Blankeisaufschwung. Wir rasten kurz und Berni sagt scherzhaft, dass das ein bequemer Biwakplatz wäre. In unserer jetzigen Situation kann ich weniger darüber lachen, denn ich stelle mir ein Biwak am Grat nicht berauschend vor. Vor allem da es auch die besten Schuhe nicht schaffen, über 10 Stunden dicht zu bleiben. Langsam aber sicher spüre ich, wie die Feuchtigkeit mehr und mehr nach innen dringt. Solange ich gehe ist das kein Problem, nur beim Stehenbleiben wird es sofort kalt. Auch meine Handschuhe sind schon durchnässt, aber ich will meine dicken Schurwollhandschuhe trocken lassen, wer weiß, für was ich die noch brauche. Schon wieder ist ein lautes Grollen von einem umliegenden Berg zu hören, wieder geht irgendwo eine mächtige Lawine ab. Nicht unbedingt ein aufmunterndes Geräusch. Berni dreht eine Eisschraube in die Eiswand und geht weiter. Tom und ich folgen– es geht weiter. Nach ca. 50 Hm Blankeis neigt sich die Wand endlich nach hinten und wir sind wieder am Grat. Jetzt ist endlich ein Ende in Sicht. Vielleicht noch 50-100 Hm dann sind wir am Piz Bianco. Ich zähle die Schritte und werde unvermeidlich immer schneller.

Freitag, 11.06.2004 - Piz Alp

Berni ist stehen geblieben. Wo ist sein Siegsschrei? Kein Wort. Was ist los? Wir schauen rüber zum Piz Bernina, von dem uns ein weiterer Felsgrat trennt. Wir sehen uns an, aber keiner sagt was, was würde das auch ändern? Inzwischen ist auch Tom bei uns. Erst jetzt erkennen wir, dass vor uns ein Felsgrat und eine Kletterei ungeahnter Schwierigkeit liegt. Das sollte doch alles Gehgelände sein. Schwierigkeit 1-2. Davon kann ich nichts erkennen! Unglaublich schmal und ausgesetzt zieht sich der Grat zum Hauptgipfel hinüber, dazwischen liegen noch 2 Türme, die bei guten Verhältnissen umgangen werden können, besser aber überklettert werden sollten. Der Hauptgipfel ist scheinbar zum Greifen nahe und doch trennt uns dieser scheinbar unüberwindbare scharfe Grat. Es ist der 12. August 1878 als der prominenteste preußische Alpinist Paul Güssfeldt mit den beiden Engardiner Bergführern Hans Grass und Johann Griss am Gipfel des Piz Bianco steht. Hinter sich den langen Aufstieg aus dem Rosegtal über den Biancograt, vor sich die gähnende, unüberwindlich scheinende Tiefe der Berninascharte und dahinter als steiler, sich in den Himmel reckender Zahn der Piz Bernina. Für die beiden Einheimischen ist die Umkehr beschlossene Sache, die Scharte „ist nicht für den Menschen bestimmt“. Doch Güssfeldt löst das Problem mit Geschick: er schweigt, wartet ab und weckt so den Ehrgeiz der Bergführer. Sie versuchen das scheinbar Unmögliche und es gelingt. Nach dem bestandenen Abenteuer äußert Erstbegeher Güssfeldt mit einem Anflug von Überheblichkeit, dass die Wiederholung seiner Route vielleicht nie mehr erfolgen werde. Güssfeldt hat sich getäuscht, und zwar gewaltig! Mittlerweile sind Tausende dem Ruf des weißen Grates gefolgt. Warum sollen wir es nicht schaffen? Weil wir sozusagen im Winter unterwegs sind? Berni sagt nur: „des wird scho schwierig“, ich lasse uns keine Zeit zum Nachdenken, antworte nur: „her mit dem Strick, Berni sichere mich“. Wieder hänge ich mich an die Spitze des Seiles und gehe los. Mein Mund fühlt sich trocken an, er verlangt nach heißem Tee. Ich weiß, dass ich vielleicht noch ½ bis ¾ Liter im Trinkbeutel habe und beschließe, dass für später aufzuheben. Vorsichtig taste ich mich den Grat entlang. Vielleicht 30 cm breit ist hier die Scharte, darauf eine vielleicht 50 cm hohe Wechte aus unstabilen Schnee. Wenn ich es schaffe vielleicht 30 Meter zu gehen könnte ich eine Sicherung anbringen. An einen möglichen Sturz wage ich erst gar nicht zu denken. Mehr als langsam komme ich voran. Zum Teil bricht der Schnee nach unten ab und ich komme auf dem lockeren Geröll unterhalb Halt.
Fast bin ich bei dem kleinen Felsblock angelangt. Dass mir das noch Spaß macht, kann ich nicht behaupten. Ich versuche mich zu konzentrieren. Berni und Tom stehen immer noch am flachen Gipfel und sehen mir zu. Berni ruft mir zu ich solle umdrehen, das ist einfach zu gefährlich und zu schwierig. Er hat recht, es wird noch schwieriger. Vorsichtig drehe ich mich um und stapfe zurück. In diesem Moment habe ich gar nicht gemerkt, dass dieser Versuch uns 20 Minuten gekostet hat. Dass wir hier noch scheitern, damit hat keiner gerechnet. Es ist 16.30 Uhr, wir sind bis jetzt über 11 Stunden unterwegs. Und das fast ohne Pause. Seit 11 Stunden nichts gegessen, aber der Hunger macht mir am wenigsten Sorgen. Die Zeit und noch viel mehr die sich anbahnenden Gewitter bereiten mir Kopfschmerzen. „Schaut nicht gut aus,“ meint Berni und verweist auf die dunkle Wolkendecke, die von Südwesten herannaht und den Piz Roseg bereits eingehüllt hat. Wir wissen, dass wir schleunigst vom Grat herunter müssen, bevor uns das Gewitter erreicht. Doch das ist nicht so einfach. Wir müssen über den gleichen Weg zurück, den wir gekommen sind. Wieder über die Blankeisstellen und wieder über den „Hillary-Step“, diesmal jedoch hinaufkletternd. Auf die Frage, was zu tun sei, sagt Tom nur „Schneeloch“. Das Gelände ist denkbar ungeeignet, und wir haben weder Schaufel noch Schlafsack dabei. Abgesehen davon sind unsere Schuhe komplett nass was bei Minusgraden und sitzend böse enden könnte. Ich will gar nicht daran denken, was passieren würde, wenn es in der Nacht schneit. Der rettende Rückweg über den unteren Felsgrat könnte so zugeschneit werden, dass eine Überschreitung unmöglich wird. Wir müssen absteigen, koste es was es wolle. Tom geht voraus, ich gehe am Seilende.

Freitag, 11.06.2004 - Der Abstieg1

Das Abwärtsgehen funktioniert eigentlich ganz gut, vor allem, da wir bereits eine Spur gelegt haben. Worauf jetzt Acht zu geben ist, sind die Steigeisen. Nach jedem dritten Schritt sind sie komplett angestollt und man ist in Gefahr, über die Flanke abzurutschen. Ich versuche mich zu konzentrieren und beobachte gleichzeitig Tom und Berni. Wieder hört man irgendwo lautstark eine Lawine ins Tal donnern. Zum Teil kann ich Tom im Schnee-Wolken-Nebel Gemisch nicht mehr erkennen. Dann verschwinden Tom und Berni wieder vor mir über eine Kuppe – die obere Blankeisstelle - ich bemühe mich das Seil relativ straff zu halten und umklammere fest meinen Pickel um einen möglichen Fehltritt meiner Kameraden in der Flanke abfangen zu können. Tom setzt wieder unsere zwei Eisschrauben. Wie weit werden wir noch vor Einbruch der Dunkelheit kommen? Besteht überhaupt die Möglichkeit, heute noch abzusteigen? Wie lange hält unsere Kondition? Wir sind schon 12 Stunden unterwegs. Wieder überqueren wir die Spalten, ich breche mit einem Fuß bis zum Oberschenkel durch und rolle mich schnell zur Seite. Tief durchatmen, aufstehen, weiter. Ich glaube, die vorne haben davon gar nichts mitbekommen. Es geht vorbei am „Biwakplatz“, dem „Schwalbennest“. Jetzt schneit es richtig intensiv. Plötzlich ein Donnern, das Gewitter hat uns erreicht und wir sind immer noch am Grat. Es ist 18.00 Uhr, als wir wieder am Gendarm vorbei den steilen Lawinenhang queren. Vielleicht 40° steil, bricht aber nach vielleicht 40 Metern in eine Felswand ab. Tom ist schon auf der anderen Seite, mehr oder weniger in Sicherheit. Ein paar Minuten später erreiche auch ich das kleine Plateau vor dem Hillary-Step. Der Wind bläst uns den Schnee von unten ins Gesicht. Wir brauchen eine kurze Pause. Keiner spricht ein Wort. Vor uns ein Aufschwung, 20 Meter, vielleicht im 4. Schwierigkeitsgrad, keine Sicherung. Wir diskutieren kurz wer hier Vorsteigen kann, um von oben die Nachkommenden zu sichern. Keiner geht freiwillig.
Nach kurzem hin und her fällt die Entscheidung auf mich. Ich entscheide mich, nicht die Abseilroute rauf zu steigen, sondern einige Meter weiter links, direkt dem Gratverlauf folgend zu klettern. Um ein sicheres Steigen zu ermöglichen, ziehe ich meine Steigeisen aus und gebe sie Tom, damit er sie später im Nachstieg mit rauf nimmt. Da am „Hillary-Step“ fast kein Schnee liegt, fühle ich mich ohne Steigeisen sicherer. Berni sichert mich. Ich lasse mir Zeit, einen Fehler kann ich mir keinen leisten. Ich prüfe jeden Griff und jeden Tritt. Aber es funktioniert. 6 oder 7 Meter habe ich bereits geschafft und es gelingt mir, eine Bandschlinge als Sicherung anzubringen. Jetzt quere ich hinter einem Felsbrocken von er linken Gratseite zur rechten, was wieder eine natürliche Sicherung ergibt. Noch 3 Meter, endlich das sichere „klick“ der Expressschlinge in die vorhandene Rebschnur, die hier fix als Abseilpunkt eingerichtet ist. Ich habe wieder Sichtkontakt zu meinen Kameraden, die auf das Kommando „Stand - Nachkommen“ nicht lange auf sich warten lassen. Durch ständigen Zug am Seil versuche ich, ihnen das Aufsteigen zu erleichtern, ohne größere Probleme klettern sie zu mir herauf. Wieder gehe ich voraus, der Schneefall hat etwas nachgelassen. Ich hoffe, dass wir die Fuorca Prievlusa erreichen. Dort wären wir zumindest vor stärkerem Gewitter einigermaßen geschützt. Wenn alles gut geht, müssten wir um 20.30 Uhr die Scharte erreichen können. Das wäre in einer Stunde. Dazwischen liegt aber noch ein anspruchsvolles, nicht ungefährliches Stück Kletterei. Von dieser Richtung sieht der Grat wieder ganz anders aus. Wie schon im Aufstieg klettern wir auch jetzt gleichzeitig am Seil, wobei der Vordere in regelmäßigen Abständen Sicherungen einbringt, und der letzte die Sicherungen wieder ausbaut. Das geht so lange, bis der Vorderste kein Material mehr hat, dann lässt er die anderen nachkommen, der letzte, bei uns Berni, gibt dem Ersten wieder alle Sicherungen und der Vorderste klettert weiter. Inzwischen ist es deutlich kühler geworden, meine kalten Finger schmerzen unter den nassen Handschuhen. Ich überlege nochmals, mir die dicken Handschuhe anzuziehen, aber die wären auch sofort nass, ich verwerfe den Gedanken wieder. Relativ langsam aber konstant klettern wir ab, Richtung „Lhotseflanke“. Mein Mund ist ausgetrocknet, aber ich habe fast nichts mehr zu trinken. Vor allem bei den stark vereisten, verschneiten und schwierigeren Stellen versuche ich, ausreichend vernünftige Sicherungen anzubringen. Zum Teil können wir uns gar nicht mehr erinnern, an diesen Stellen vorbeigekommen zu sein, aber die teils noch vorhandenen Spuren von unserem Aufstieg im Schnee und Eis können es nicht leugnen. Dann endlich, um 20.30 Uhr brechen die Spuren Richtung Rosegtal ab in die Verschneidung.

Freitag, 11.06.2004 - Der Abstieg2

Ich weiß, jetzt sind es nur noch 2 Seillängen. Ohne Gefühl in den Fingern erreiche ich den Felsvorsprung, bei den wir vor nunmehr 10,5 Stunden auch kurz gerastet haben. Noch bevor Tom bei mir ist, habe ich in aller Eile meine Schurwollehandschuhe und meine Überfäustlinge angezogen. Obwohl wir wissen, dass wir keine Chance haben, vor Mitternacht die Hütte zu erreichen, sind wir froh, diesen gefährlichen Teil der Tour hinter uns gelassen zu haben und endlich vom Grat herunter zu kommen. Gott sei Dank haben wir uns nicht für ein Notbiwak am Grat entschließen müssen. Aber noch haben wir es nicht geschafft. Wir beschließen, immer noch keine Pause zu machen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit möglichst weit nach unten zu kommen. Die Orientierung bei Nacht durch den Gletscherbruch wird sicher nicht einfach. Wir sind auf 3450m Meereshöhe. Der Weg entlang der steilen felsigen Flanke des Piz Morteratsch kommt für den Rückweg nicht in Frage. Durch den Schnee bzw. Regen wäre der Fels für eine Querung zu rutschig, ganz abgesehen von den Schwierigkeiten bei der Orientierung. Ein falscher Weg könnte uns in eine sehr gefährliche Situation bringen. Berni und ich halten es für besser, mit unseren Figl möglichst weit über den Gletscher abzufahren, um dann am Ende des Gletschers wieder links vielleicht 50-100 Hm auf die rettende Tschiervahütte aufzusteigen. Wir sind uns darüber einig, dass das in unserer Situation die wohl beste Möglichkeit ist, Berni ist fast ein wenig euphorisch und glaubt, schon in 2 Stunden die Hütte erreichen zu können. Ich hingegen denke nicht, dass wir das noch vor Mitternacht schaffen. Eine Wette, die ich gerne verlieren würde. Bevor wir jedoch unsere Skier einsetzen können, müssen wir die bis zu 45° geneigte „Lhotseflanke“ absteigen. Zuerst eine Querung nach links, dann diretissima nach unten Richtung Randspalte. Diesen Teil können wir sehr schnell hinter uns bringen und ich beginne zu hoffen. Noch einmal bitte ich Tom auf Zug zu gehen, um die ca. 1 Meter geöffnete Randspalte übersteigen zu können. Ein Lawinenabgang hat hier gute Dienste geleistet und eine Schneebrücke über die Spalte geschaffen. Trotzdem habe ich Bedenken, ob der durchfeuchtete Schnee mein Gewicht tragen kann. Geschafft, um 21.45 stehen wir am Fuße der Flanke und schnallen unsere Figl an. Wir glauben, dass unser Abstieg damit wesentlich erleichtert werden kann. Ich habe Matthias nagelneue Figl ausgeborgt und gestern bereits „trainiert“. Ich weiß, dass ich damit ganz gut zu Recht komme. Berni stand noch nie auf Figl, hat aber die besseren Skier von Tom bekommen. Tom selbst muss sich mit dem älteren Paar, das noch zum Schnüren ist, zufrieden geben. Im Mai letzten Jahres bin ich mit ihm als Trainingstour fürs Matterhorn an einem Tag von Karls über den Stüdlgrat auf den Großglockner gegangen und auch dort haben wir die Figl mitgehabt. Alles war einwandfrei und die Figl haben gute Dienste geleistet. Nur heute will es nicht so richtig funktionieren. Ich warte ungeduldig, bis Tom die etwas umständlichen Dinger festgeschnallt hat und wir endlich los können. Ich dränge darauf, wieder am Seil abzufahren, wir dürfen die Gefahr nicht unterschätzen, auch wenn das Fahren zu dritt am Seil umständlich ist. Tom hat große Probleme mit seinen Figl, die einfach nicht an seinen Schuhen halten wollen. Er beginnt lautstark zu fluchen, ich nutze die Zeit und setze die Stirnlampe auf. Es wird dunkel.

Freitag, 11.06.2004 - Der Abstieg3

Wieder fahren wir ein Stück und wieder geht ihm die Schnürbindung auf. Wieder fluchend schmeißt er seinen Rucksack zu Boden und bindet sich vom Seil los. Tom fuhr in der Seilmitte, was wahrscheinlich der schlechteste Platz war, denn fuhr der Vordere los und Tom begann nicht exakt im richtigen Augenblick abzufahren, gab es einen Ruck und er stürzte. Stürzte ich hinter ihm, oder blieb ich aus irgendeinem Grund stehen, stürzte auch er. Tom weigert sich, weiter am Seil zu fahren. Berni drängt, schnell zu handeln um noch bevor es ganz dunkel ist über die Kuppe rüberzukommen und den Weg, der für uns Neuland ist, zu erkunden. Während Tom probiert, seine Schuhe jetzt ordentlich zu befestigen, fahren Berni und ich am Seil ein kleines Stück voraus über die Kuppe. Nochmals ermahne ich Tom in unserer Spur zu bleiben, um nicht in eine Spalte zu brechen. Er antwortet nicht. Aber wir können nichts mehr erkennen, es ist Nacht, 22.30 Uhr. Wir warten vielleicht 5 Minuten. Ich werde fast schon ein bisschen nervös, ob nicht irgendwas passiert ist, aber dann sehe ich doch ein Licht und Tom figelt uns entgegen. Vor uns lassen sich einige Spalten erkennen und wir können Tom überzeugen, dass es sich doch wieder ans Seil hängen soll. Ich fühle mich schon in Sicherheit und ahne nicht, was uns noch bevorsteht. Ab nun haben wir es wohl Bernis Orientierungsvermögen zu verdanken, dass wir uns noch annähernd zurechtfinden. Berni fährt nun als Seilerster. Souverän leitet er uns durch das Spaltengewirr, meistens äußerst rechts auf der Seite des Piz Morteratsch. Immer wieder breche ich in eine Spalte ein und rolle mich heraus. Ist gar nichts Besonderes mehr. Gott sei Dank hat es zu schneien aufgehört. Immer wieder bleibt Berni vorne stehen und versucht sich zu orientieren. Fast teilnahmslos bleibe ich immer 40 Meter hinter ihm am Seilende stehen. Zuerst geht ja alles ganz gut aber auch Berni fällt es immer schwerer sich zurechtzufinden. Gerade war er sich noch sicher, dass äußerst rechts eine schmale Rinne durch den teils meterhohen Gletscherbruch führt, jetzt kommen ihm jedoch die Zweifel. Damit habe ich nun nicht mehr gerechnet. Berni ruft uns zu sich und wir besprechen die Lage. Vor uns rechts die Felsflanke und links meterhohe Seracs. Dazwischen eine Rinne, die immer steiler wird und sich nach unten hin auf vielleicht 2 Meter Breite verjüngt. Die Rinne wird durch die senkrechte Felswand rechts und einen überhängenden Serac links begrenzt, der die Rinne fast wie ein Loch aussehen lässt. Es lässt sich nicht erkennen, wohin die Rinne führt. Wieder auf die freie Gletscherfläche oder in ein bodenloses Gletscherloch? Wir wissen es nicht. Was sollen wir tun?

Freitag, 11.06.2004 - Der Abstieg4

Wir könnten natürlich wieder mehrere hundert Meter zurück aufsteigen und doch den Weg in der Flanke wählen. Das würde aber bedeuten, dass wir wieder durch das Spaltengewirr finden müssten, was auch nicht ungefährlich ist. Oder aber wir tasten uns hier langsam vor, in der Hoffnung, dass uns der Weg wieder ins Freie führt. Berni versucht es unerschrocken, zuerst nur ein paar Schwünge, dann bleibt er nochmals stehen. Wieder probiert er die Rinne mit der Stirnlampe bestmöglich auszuleuchten, aber ein sicheres Ende lässt sich einfach nicht erkennen. Schrittweise brettelt er nach unten. Ich sehe ihn nicht mehr, es ist still. Am Seil erkenne ich, dass er nicht stehen geblieben ist, sondern sich immer noch vorwärts bewegt. Jetzt ist auch Tom losgefahren. Wieder vergehen ein paar Minuten bis Tom in der Rinne verschwunden ist und ich an der Reihe bin. Nachdem ich ein paar Schwünge gefahren bzw. gegangen bin, sehe ich Berni wieder. Es sieht so aus, als ob er wirklich wieder den Weg auf den offenen Gletscher gefunden hat. Jetzt erkenne ich, dass diese schmale Rinne etliche Quer- und Längsspalten kreuzen. Zwar eher kleinere Spalten aber ich bin froh, dass ich deren ganzes Ausmaß nicht bei Tageslicht sehe. Vorsichtig taste ich mich nach unten. Tatsächlich, wir sind durch den Gletscherbruch durch, endlich auf sicherem Terrain. Ich glaube, jetzt ist es vorbei, wir haben die Tour geschafft. Auf uns wartet ein warmer Winterraum, heiße Suppe, Tee und ein trocknes Bett. Zügig fahren wir im feuchten Schnee nach unten, es ist bereits 00.10 Uhr. Unser Höhenmesser sagt uns, dass wir nur noch 150 hm von der Hütte entfernt sind. Da hier die Schneerinne in eine Mulde führt beschließen wir, unsere Figl abzuschnallen und zu Fuß über den Moränenschutt abzusteigen. Tom lässt sich nicht lange bitten, er hat seine lästigen Figl schon sichtlich satt. Wir binden uns auch vom Seil los, das ich in meinen Rucksack stopfe. Durch das nasse Seil drückt dieser schmerzhaft auf die Schultern. Größtenteils geht es jetzt über lockeres Blockwerk und kleinere Schneefelder, bei deren Querung wir teils wieder bodenlos bis zu den Oberschenkeln einsinken. Alle 5 Minuten sehe ich auf den Höhenmesser und schau mich um, ob ich die Umrisse der Hütte irgendwo erkennen kann. Vergebens, obwohl unsere Höhenmesser bereits zwischen 2470 und 2500 Meter anzeigen, ist von der Hütte nichts in Sicht, auch kommt mir die nahe Umgebung nicht bekannt vor. Die Neigung scheint mir zu flach, und bei der Hütte lag etwas mehr Schnee. Wieder beraten wir uns, mit dem Ergebnis, dass wir wohl noch weiter nach rechts (Osten) müssten. Der Blick auf die Karte zeigt nicht, dass wir irgendwie falsch abgestiegen sein könnten. Jedoch ist die Karte 50 Jahre alt, die Dimensionen des Gletschers stimmen überhaupt nicht mehr. Und durch die Abnahme der Mächtigkeit des Gletschers könnten natürlich plötzlich neue Felsen zum Vorschein und Moränen entstehen, die alles anders aussehen lassen. Mehr als eine halbe Stunde suchen wir die von uns sehnlichst erwartete Hütte. Immer entlang der 2500m Isohypse. Aber je mehr wir suchen, um so klarer wird, dass irgendetwas nicht stimmt. Schließlich kommt uns die Idee, mittels GPS unseren genauen Standort zu eruieren. Wir haben jedoch keinen Empfang und die genauen GPS Daten der Hütte sind uns auch nicht bekannt. Leider hat Berni gestern vergessen, bei der Hütte einen GPS Punkt zu setzten, der uns jetzt helfen könnte. Für ein „rückwärts Einschneiden“ fehlt uns ein Lineal, um dies mit ausreichender Genauigkeit durchführen zu können. Wir setzen uns kurz nieder und machen eine Rast. Würden wir doch nur mehr sehen, dann wäre vielleicht alles klarer. Da fällt mir ein, dass Berni doch in seinem Notfallpaket eine Mini-Leuchtpistole hat. Wir haben sie vor 2 Jahren mal aus Spaß ausprobiert und sie hat ganz gut funktioniert. Die könnte uns jetzt entscheidend helfen. Berni und ich steigen ein paar Meter auf einen übersichtlichen Punkt auf, Tom bleibt unten bei den Rucksäcken. Berni feuert die gelbe Patrone ab, die kurz die gesamte Flanke des Piz Morteratsch erleuchtet. Weit und breit ist keine Hütte zu sehen. Wir wissen zwar nicht warum und wie, aber wir sind definitiv falsch. Noch einmal nehmen wir die Rucksäcke auf die Schultern und gehen einfach weiter. Aber es hat überhaupt keinen Sinn, noch länger nach der Hütte zu suchen. Wir sind auch zu erschöpft, um weiter zu gehen. Das Wetter hat sich deutlich gebessert, es wird wohl jetzt keinen Niederschlag mehr geben. Wir treffen einen Entschluss: biwakieren im Freien.

Freitag, 11.06.2004 - Biwak

Biwak
Biwak
Tom bemüht sich erst gar nicht, einen vernünftigen Platz zu suchen. Genau auf dem Fleck, wo die Entscheidung getroffen wurde setzt er sich nieder, so satt hat er scheinbar das Gehen. Ich suche gerade Mal im Umkreis von 2 Meter einen relativ flachen Stein. Berni packt seinen Kocher aus, ich fühle gar keinen Durst mehr, ich bin auf einmal sehr müde. Tom hat als einziger von uns einen halbwegs vernünftigen Schlafsack mit, im den er, nachdem er Schuhe und Socken ausgezogen hat, auch gleich hineinkriecht. Ich schaue zweifelnd auf meine Schuhe und spüre wie es langsam kalt wird. Soll ich die Schuhe ausziehen? Ich habe kein trockenes Paar Socken. Da fällt mit ein, was Kurt Diemberger mal in einem Vortrag erwähnt hat: „Handschuhe über die Füße und Füße in den Rucksack“. Warum nicht. Schnell entleere ich meinen Rucksack und ziehe die Schuhe und Socken aus. Jetzt kommt es mir zu Gute, dass ich die Schurwollhandschuhe nicht oben am Grat verwendet habe und dass diese jetzt noch trocken und angenehm warm sind. Ich stülpe mit die Handschuhe über die Füße und zusätzlich rundherum den dünnen Seiden-Schlafsack, den ich als Hüttenschlafsack verwende. Leider ist dieser durch das nasse Seil in meinem Rucksack feucht geworden. Aber das muss genügen. Rein in den Rucksack und dicht verschnürt. Und das ganze jetzt noch hinein in den 2-Mann Biwaksack. Ich habe diesen für mich alleine, da Tom mit seinem Schlafsack zufrieden ist und Berni selbst einen Biwaksack hat. Leider lässt sich der 2-Mann-Biwaksack oben nicht zuschnüren und er erinnert mich mehr an ein Einkaufssackerl als an einen effizienten Biwaksack. Berni hat Tee gekocht, den er mir kameradschaftlich ans „Bett“ reicht. Nicht nur Rotwein, sondern auch Tee kann erdig schmecken, aber ich bin nicht wählerisch, trinke und sage nichts.

Nochmals schaue ich zu Tom, er schläft scheinbar schon. Ich beneide ihn um seinen Schlafsack, ich bin überzeugt, dass es noch bitterkalt wird. Immer habe ich meine Überhose mit, sogar im Sommer, nur jetzt nicht, wenn ich sie einmal brauchen würde. Pech gehabt, es wird auch ohne gehen. Es ist 1.40 Uhr. Vor über 20 Stunden sind wir auf der Hütte aufgebrochen. 20 Stunden fast keine Pause, 1400 Hm im Auf- und Abstieg mit teils erheblichen Schwierigkeiten und Gefahren. Und jetzt so kurz vor dem Ziel müssen wir doch noch biwakieren. Ich versuche zu schlafen.

Samstag, 12.06.2004

Um 2.30 Uhr wache ich auf. Ich zittere am ganzen Körper. Ich weiß nicht, ist es auf Grund der Anstrengung oder weil mir eiskalt ist. Beides trifft jedenfalls zu. Ich muss mich aufsetzen. Es ist sternenklar, keine Wolke mehr am Himmel. Ich versuche, durch ein bisschen Bewegung wieder warm zu werden, nach vielleicht 10 Minuten geht es ein bisschen besser. Ich setze mich auf und will sitzend noch ein bisschen schlafen. Aber sofort wird mir wieder so kalt, dass ich nicht mehr schlafen kann. Ich beobachte das rote Blinken des Sendemastes am gegenüberliegenden Berg und versuche mir so die Zeit zu vertreiben. Berni und Tom scheint es besser zu gehen, ich glaube sie schlafen. Wieder versuche ich, jetzt im besseren Licht zu eruieren, wo wir genau sind, aber es gelingt mir nicht.
Ich schau wieder zum Sendemast.

4.15 Uhr, es wird hell. Ich habe Durst, aber der Kocher ist zu weit entfernt, als dass ich ihn erreichen könnte. Aufstehen will ich nicht, dazu müsste ich die Füße aus dem Rucksack nehmen, ein unangenehmer Gedanke. Überraschenderweise hat das mit den Füßen im Rucksack ganz gut funktioniert. Sie sind relativ warm geblieben. Neben mir stehen die komplett durchnässten Schuhe. Darübergelegt die Socken, eiskalt und komplett nass. Mir graut es jetzt schon davor, diese Socken anziehen zu müssen. Ich drehe sie aus und stopfe sie unter die Jacke, um sie ein wenig anzuwärmen. Meine linke Schulter schmerzt, ich hab mich in der Stunde, wo ich geschlafen habe auf einen spitzen Stein gelehnt. Inzwischen sind auch Berni und Tom wach. Ich schau Berni zu, wie er in seine ebenso nassen und kalten Schuhe schlüpft, nun kann auch ich mich dazu überwinden. Tom hat offensichtlich noch schlechtere Schuhe. Er kann das Wasser sogar herausleeren. Wir stopfen unsere sieben Sachen in den Rucksack und noch bei Dämmerung marschieren wir um 5.00 Uhr los. Ein nochmaliger Blick auf die Karte und ins Gelände machte uns klar, warum wir die Hütte nicht finden konnten. Den Gletscher durchzieht in Längsrichtung über mehrere hundert Meter eine vielleicht 100 Meter hohe Moräne. Wir sind in der Nacht auf die falsche Seite der Moräne geraten. Der Hang, auf dem wir uns befanden, war nicht der Hang des Piz Morteratsch, sondern der Moränenhang. Für den richtigen Weg hätten wir bereits weit oben am Gletscher, wo die Moräne beginnt, auf die andere Seite queren müssen. Wir beschließen, nicht mehr zur Hütte zu gehen, sondern direkt ins Tal abzusteigen. Es gibt zwar keinen Weg, aber auch keine Schwierigkeiten. Wir schätzen, dass wir ca. 3 Stunden hinunter brauchen werden. Nach ca. 1-1½ Stunden erreichen wir den Weg. Die Stimmung ist gut, wir freuen uns, diese Tour heil überstanden zu haben, aber von den Bergen haben wir vorerst genug. Wir haben Blasen auf den Füßen, erschöpft und mit schmerzverzerrtem Gesicht erreichen wir um 9.00 Uhr das Auto. Ich glaube, unsere Leistung war nur durch das Zusammenspiel der jeweiligen Stärken von uns drei möglich. Alleine hätte es keiner von uns geschafft.
Sherpa-Tom, unser Mann mit unvorstellbarer Kondition, der durch sein schnelles und langes Spuren ein Vorankommen im Firn möglich machte. Berni, unser wandelndes GPS, Navigator und Allrounder, der mich vor allem dadurch beeindruckte, wie er uns durch den Gletscherbruch führte, sowie meine Wenigkeit, zuständig für die Vorstiegsarbeit im vereisten Fels.

Ausgiebig vollziehen wir - jetzt wieder in der Zivilisation - Körperpflege und ordnen unser Material. Später brechen wir auf Richtung Gardasee. Zwischendurch, kurz nach der Grenze, machen wir Halt und lassen mit Bier und Pizza verköstigen.
Kaum am Gardasee sind die Anstrengungen fast wieder vergessen und in diversen Sportgeschäften wird nach noch besserem Material für die nächste Tour gesucht. Am Abend lassen wir bei einem exquisiten Mahl und reichlich Rotwein die Tour noch mal Revue passieren, bevor wir irgendwann gegen Mitternacht komplett fertig in die trotz Regen trocken Schlafsäcke kriechen und einfach nur schlafen.
Im Gedanken plane ich schon die nächste Tour.
Vielleicht der Mittellegigrat??

 
08.02.2012 21:40:01