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Mont Blanc de Cheillon - Wettersturz

19. August 2005
Bewertung: voller Bewertungspunkt voller Bewertungspunkt voller Bewertungspunkt halber Bewertungspunkt leerer Bewertungspunkt
(3.9 bei 7 Bewertungen)
von: rave_66
Land: Schweiz
Abenteuer im Wallis
Geplant war eigentlich der Dent d’Herens – sorgfältig geplant während der Fahrt in die Schweiz.

Nach langer Fahrt und viel Stau sind wir in Arolla angekommen.

Gleichtägiger Aufbruch zur Cabane Vignettes. Die letzte halbe Stunde erfolgte im Schneetreiben -
und das im Sommer. Es waren nicht sehr viele Leute oben, so dass es auf der Hütte recht beschaulich und ruhig zuging. Nach Abendessen und Wetterbeobachtungen (draussen war alles weiß: rechts, links, oben und unten) ging‘ s früh ins Bett.

Aufstehen geplant: 3:30
Nach dem kurzen check der Wettersituation sind wir noch auf dem Lager geblieben bis 7:00 Uhr.
Gemeinsames Frühstück, da klarte es plötzlich auf: Der Pigne d’Arolla –weißes Häubchen vor blauem Himmel.
Die andere Seite wollte um’s Verr..... nicht aufreißen. Dann haben wir umdisponiert.
Um nicht einen oder mehrere Tage hier abzuhängen – Bewegungslosigkeit ist schädlich und so viel Zeit hatten wir auch nicht – haben wir umgeplant:
Neues Ziel: Pigne d’Arolla mit anschließender Überschreitung des Mont Blanc de Cheillon.
Mittlerweile war’s schon halb 9. Direkt an der Hütte angeschnallt, ein beißender Wind, kalt war’s, so knapp –3. Beim Aufstieg wird’s einem schon warm, dachten wir.
Nach hurtigem Aufstieg sind wir nach gut 2 Stunden auf dem Pigne angekommen.
Ausgiebige Gipfelrast? Es ist einfach nur noch kalt. 2 Fotos machen und ab geht’s – im Schweinsgalopp- in das windgeschütztere Joch. Dort erst mal Tee und was zu beissen...
Die anderen wenigen Gruppen sind am Umkehren, allerdings zurück zur Cab. Vignettes.
Wir sind unschlüssig: Die Kälte? Weitergehen? Bis zur Cabane des Dix? Oder den Cheillon noch ein bisschen mitnehmen?

Die Abstiegsroute ist erst die gleiche. An der sich abzeichnenden „Weggabel“ – es war schon nach 12 Uhr– haben wir uns dann für den Umweg entschieden. Das Wetter wurde ja immer besser, der Altimeter zeigte langsame Wetterbesserung und es war bedeutend wärmer.
Die steile Eisflanke hinauf, ein richtiges Wadenbeisserl in dem knallharten Firn, stellenweise Blankeis - dann endlich auf der nächsten „Aussicht“. Ein Blick in den tiefen Abgrund, dann das Studium der sich jetzt abzeichnenden finalen Kletterroute zum Gipfel. Ja, das is scho senkrecht... Kurzes Führerstudium, ein großer Schluck Tee, 2 Müsliriegel – um 14.00 Uhr gings weiter.
Zuerst die Abseilstelle – ca. 30 Meter nach unten, dann die Querung – kostet schon Überwindung. Der Abgrund ist tief... und das Wetter verschlechtert sich.
Hier im Schatten hat’s nun viel Schnee und brüchigen Fels. Beim Einstieg in die Wand fängts zu Schneien an, mittlerweile 15 Uhr. Die Sonne ist weg, es nebelt und es wird ar...kalt. Der Sturm zieht heran und die Verständigung wird zusehends schwieriger. Außerdem ist die Sicht schlecht und wird laufend schlechter.

Wir kommen langsam voran, alle sich bietenden Sicherungen nutzend, immer mit Bedacht. Um 17 Uhr sind wir dann endlich oben. Kurze Freude über den hart erkämpften Erfolg, dann sofortiger Abmarsch in Richtung Normalroute.
Zuerst noch recht eben und einfach mit Felsen linkerhand zur Orientierung, dann nur noch in den Nebel hinein nach Westen. Wer die SW-Flanke kennt, weiß, dass oben ein allmächtiger Eisbalkon hängt, der plötzlich aufhört. Im Nebel kann man überall hingelangen, vor allem direkt nach unten.
Nach über einstündiger Suche haben wir es dann aufgegeben. Die Verständigung war kaum mehr möglich, so hat uns der Sturm um die Ohren gebrüllt. Schon mal bei Sturmstärke eine Landeskarte probiert einzunorden? Kompass, Höhenmesser, Karte.. ein GPS hat leider gefehlt – wir hätten den Standort bestimmt feststellen können.
Wir bleiben oben und nächtigen in Gipfelnähe! Nun die Suche nach einem geeigneten heimigen Plätzchen auf der sturmabgewandten Seite.
Inzwischen fing es voll an zu Schneien – wir hatten ja das volle Programm „all inclusive“ gebucht... Bei dem Wind schneit es horizontal. Haare und Bart vereist, was soll’s.
Abseilen, Rucksack ausräumen, alle Klamotten an, alle Hardware festkarabinern, nicht auszudenken wenn Pickel und Steigeisen über Nacht knapp 1000 Meter die Steilflanke hinabsegeln.
Wir hatten eine felsige Kuhle, ca. 1,20 m breit und knapp 1,60 lang zur Schlafstatt auserkoren. Seil zuunterst, Rucksäcke obendrauf, dann der 2-Mann-Biwaksack (zum Glück dabei gehabt!).
Zum Abschluss noch ein Süppchen auf dem Benziner gekocht.
Ich war nur noch platt, mir war kalt und ich wollte nichts mehr wissen, nichts essen... Meinem Kameraden hab ich‘s zu verdanken: Die Suppe schmeckte, danach ging mirs besser.
Ständig Füße und Hände massierend, haben wir die Nacht bibbernd dort oben auf ca. 3800 m verbracht. Ab 2Uhr klarte es auf, sternenklar, eine sauschöne Nacht – aber es war nur noch kalt.
Ein scharfer Wind fegte uns immer wieder kleine Schneemengen um die Köpfe.

Cheilon von Norden
Cheilon von Norden
Mit dem ersten Morgengrauen aus dem Biwaksack geschält, die Ausrüstung zusammengesucht, es war tatsächlich nichts verlorengegangen.
Kurzer Blick auf den Thermometer am Rucksack. –18 Grad...
Das Panorama ist prächtig, der Abstiegsweg führt uns an größeren Spalten vorbei, wahrscheinlich noch weiter links als wir am Vorabend gesucht hatten. Die gestrigen Spuren waren leider nicht mehr da, hätte mich mal interessiert, wo wir herumgestolpert sind.
Ein Steigeisen hat den Belastungen allerdings nicht standgehalten – während des Abstiegs ist es mitten durchgebrochen. Unvorstellbar, wäre dies an einer heiklen Passage passiert.
Der Proviant war tiefgefroren: Die Müsliriegel knüppelhart, der Tee nur noch Eis, mit dem Brot hätte man jemand erschlagen können und die Landjäger waren nun auch als Felssicherung verwendbar.
Also irgendwie Schnee schmelzen mit dem Benziner und nen Tee kochen bei der ersten Pause.
Später haben wir dann ausgiebig gerastet. Alle Ausrüstung und Kleidung zum Trocknen und Wärmen ausgelegt und sich selbst in die Sonne gelegt.
Zum Abschied gab’s dann noch zwei große Lawinen direkt aus der Nordwand. Ein fürchterliches Getöse, eine Riesenschneewolke – nach kurzer Verzögerung kam der Sanktus bei uns an und alles war wieder nass. Wir lagen mitten im Schneetreiben...
Dann ausgiebige Rast an der Dix-Hütte, Essen und Trinken. 3 Stunden später waren wir dann wieder in Arolla am Auto.

Insgesamt ein unvergessliches Erlebnis, nochmal Glück gehabt!

 
18.02.2015 16:00:01