So, 18.02.07 - Die Rucksäcke sind gepackt
Mo, 19.02.07 - Santiago de Chile
Di, 20.02. 07 - von Santiago de Chile nach Mendoza
Mi, 21.02.07 - von Mendoza nach Puente del Incas
In einer kleinen Truckerkneipe stopfte ich mich noch mal mit Essen voll, füllte das Camelbak mit 4 Fl. Mineralwasser und startete gegen 16:15 die erste Tagesetappe Richtung Pampa de Leñas, das ich nach 4 ½ Std. erreichte. Pampa de Leñas liegt auf 2800m. Hier befindet sich eine Station der Parkranger. Sie kontrollieren das Permit, man wird registriert und bekommt eine Tüte für den Müll ausgehändigt, die man am Schluss wieder abgeben muss. Im Dunkelwerden baute ich mein Zelt auf und kochte etwas zu essen und Tee. Es gab Hirschgulasch aus der Dose und Nudeln. Die erste Tagesetappe lag nun hinter mir. Die Nacht war ruhig, fast windstill bei 2°C.
Do, 22.02.07 - von Pampa de Leñas nach Casa de Piedra
Fr, 23.02.07 - von Casa de Piedra zum Flusscamp
Sa, 24.02.07 – vom Flusscamp zum Basislager
Bei Daniel Lopez hatte ich für heute abend ein Steak bestellt, das würde ich mir schmecken lassen. So lange ich im Basecamp war, wollte ich nicht kochen, sondern immer zu Daniel essen gehen. Das Steak mit viel Zwiebeln ist wunderbar und die Pommes dazu macht er aus kurz zuvor frisch geschälten Kartoffeln. Das ist besser als der Tütenfraß.
Morgen früh checkt mich der Arzt im Basislager, wenn alles passt und ich mich fit fühle wollte ich den geplanten Ruhetag morgen weglassen und schon mal etwas Material auf Lager 1 raufbringen.
So, 25.02.07 – Materialtransport v. Basislager nach Lager 1
Gegen 8:30 stand ich auf und ging zum Medical Check. Der ist Pflicht und muss am 2.Tag nach der Ankunft im Basislager besucht werden. Bedenken hatte ich keine – der Arzt notierte: SpO2 87%, Blutdruck 140/80 bei einem Ruhepuls von 65. Damit waren die Werte besser als letztes Jahr nach dem 2.Aufstieg. Ich beschloss heute Material auf Lager 1 hoch zu tragen. Gegen 10:30 lief ich mit dem schwereren der Rucksäcke langsam rauf. Die 2 Litauer wollten später auch was rauf tragen. Nach jeweils einer Stunde hatte ich bisher immer eine Pause eingelegt, diesen Rhythmus wollte ich beibehalten. Nach 3 ½ Std. Gehzeit erreichte ich das Lager 1 auf 5000m. Ich suchte mir einen schönen Platz, wo ich morgen mein Zelt aufstellen würde und „markierte“ ihn mit meinem Rucksack. Auswahl gab es erwartungsgemäß genug, nur 4 Zelte standen noch auf Lager 1. Deren Bewohner wollten jedoch alle absteigen, da es am Gipfel angeblich zu viel Wind hatte. Das verstand ich zwar nicht, denn laut Wetterbericht sollten es nur 30km/h sein. Allgemein wurde die diesjährige Saison als sehr schlecht bewertet, was das Wetter und die Anzahl der erfolgreichen Gipfelbesteigungen angingen. Wenn ich allerdings an das Wetter vom letzten Jahr dachte, so war mir jetzt erst richtig klar was für Topbedingungen wir im Moment hatten. Wenn wir es bei den damals so miesen Verhältnissen tatsächlich geschafft hätten, so wäre es fast ein kleines Wunder gewesen.
Nach etwa einer Stunde begann ich wieder mit dem Abstieg. Auch hier oben war noch schönes Wetter und kaum Wind – ganz anders als im letzten Jahr. Kurz vor dem letzten steilen Stück kamen mir die Litauer auf ihrem Materialtransport entgegen. Auch sie wollten dann morgen erstmals auf Lager 1 übernachten. Vermutlich würden wir die Einzigen sein, die im Moment den Aconcagua von dieser Seite angingen.
Als ich wieder im Basecamp ankam hatte es 21°C im Schatten. Zeit für einen Kaffee und eine Brotzeit. Danach rief ich wie jeden Tag per Satellitentelefon Christine an. Sie gab mir den neuesten Wetterbericht durch, den ich bei Snow-Forecast abonniert hatte. Dabei stellte sich etwas Ernüchterung ein. Für die nächsten 3 Tage wurde stark zunehmender Wind gemeldet.
Gegen Abend ging ich wieder zu dem Zelt von den beiden Litauern, die inzwischen auch wieder von Lager 1 zurückgekehrt waren. Wir quatschten eine Weile und endlich konnte ich mir ihre Namen merken: Saulius und Rūta waren auch schon zum zweiten Mal am Aconcagua. Sie waren vor 2 Jahren bereits einmal hier und damals hatte nur Saulius den Gipfel erreicht. Diesmal wollten sie es noch einmal versuchen und ihre Gruppe war anfangs um einiges größer. Nach und nach waren jedoch fast alle Teilnehmer ausgefallen oder hatten abgesagt und der letzte war ja heute morgen ausgeflogen worden. Nun waren sie noch zu zweit und hatten mich eingeladen mit ihnen weiterzugehen. Außerdem boten sie mir an, ihr Zelt mit ihnen zu teilen. Ich brauchte meinen Weg also nicht alleine fortsetzen, behielt mir diese Option aber offen. Gemeinsam checkten wir die Wetterdaten und besprachen das weitere Vorgehen, das zunächst so aussehen sollte: morgen 10:00 auf Lager 1 aufsteigen und dort übernachten. Am darauffolgenden Tag dann Materialtransport zu Lager 2 auf 5800m. Alles weitere würde vom Wetter abhängen, doch als frühest möglichen Gipfeltag wollten wir Donnerstag ins Auge fassen. Damit standen uns 4 mögliche Gipfeltage zur Verfügung und sogar ein Aufstiegsversuch über den direkten Polengletscher (Direct Argentina) wurde ins Gesprächs gebracht. Eisgeräte, Eisschrauben, und Seil hatten sie dabei und einen Gurt konnten sie mir leihen. Ich musste zugeben, dass diese Möglichkeit sehr verlockend war. Doch dieser wage Plan würde sich am nächsten Morgen drastisch ändern.
Nachdem ich auch heute wieder das leckere Steak bei Daniel Lopez genießen konnte, verkroch ich mich in mein Zelt. Wenn die Sonne weg ist sinkt die Temperatur gewaltig. So war es auf der neuen Daunenmatte im Schlafsack angenehm warm, während es draußen schon –10°C hatte und ein eisiger Wind wehte. Ich hoffe es wird morgen noch einmal so schön warm wie heute, denn meine warmen Sachen hatte ich bereits alle auf Lager 1 hinaufgebracht.
Mo, 26.02.07 – noch einmal vom Basislager nach Lager 1
Auf meinem Rückweg kamen mir Saulius und Rūta entgegen. Sie wollten heute auf Lager 1 übernachten und morgen oben auf mich warten um Material auf Lager 2 rauf zu bringen. Optimistisch stimmte ich zu. Morgen würden meine Werte schon passen, wenn ich den Kaffee wegließe und bei Steak und Pommes auf Salz verzichtete, wie der Doktor empfahl.
Mo, 26.02.07 – Teil 2
Di, 27.02.07 – zum dritten Mal Basislager nach Lager 1
10:00 Arztbesuch. Blutdruck 130/80, SpO2 83%. Grünes Licht. Wow. Zum dritten Mal ging es rauf auf 5000m, diesmal aber tatsächlich um da zu übernachten. Rückblickend betrachtet ein akklimatisationstechnisch perfekter Ablauf. Wie war das noch mit dem Folgen von Zeichen? Go for it. So ohne was im Magen geht das aber nicht: erst einmal ordentlich frühstücken. Und her mit dem Schinken. Dann ganz langsam aufsteigen. Nach 3 ½ Std. hatte ich Lager 1 erreicht. Rūta kam mir aus dem Zelt entgegen, sie lud mich in ihr Zelt ein um mich aufzuwärmen. Saulius war gerade zu Lager 2 unterwegs. Er konnte mich von oben sehen und war froh, dass ich aufsteigen durfte. Außerdem hatten die beiden Funkkontakt und Rūta informierte Saulius über meine Ankunft. Für einen Materialtransport meinerseits war es jedoch schon zu spät, vor allem aber zu windig und zu kalt. Der Wind wurde immer stärker und meine Lektion, die ich in Bezug auf Zelt aufbauen bei solchen Verhältnissen letztes Jahr gelernt hatte, war enorm gefragt: Innenzelt ausbreiten und sofort zwei Rucksäcke reinlegen, damit es nicht davonfliegt. Dann die Pausen etwas abflauenden Windes abwarten, schnell die Stangen einfädeln, das Überzelt drüber werfen und sofort mit Schnüren verankern. Alles gut verzurren. Zeltanker mit mehreren Steinen sichern. Fertig, muss halten. Einzug ins geliebte Zuhause. Im Schutz des Zeltes wechselte ich sofort die Klamotten. GoreTex-Hose, Daunenjacke, dicke Norwegersocken und Mütze. Fleecehandschuhe an, Daunenhandschuhe in die Taschen gesteckt. Noch mal raus und Christine anrufen. Bis einschließlich Samstag vermeldete sie starken Wind, doch dann sollte selbiger nachlassen: das Wetterfenster für den Gipfeltag war die optimistische Interpretation. Wenn das mal eine gute Nachricht war. Ich war außer mir vor Freude. Was für ein herrlicher Tag! Mit dieser Information im Hinterkopf werden sich die 2 Tage schlechten Wetters doch wohl aushalten lassen.
Di, 27.02.07 – Teil 2
Mi, 28.02.07 - Materialtransport vom Lager 1 zum Col Camp
Als ich wieder auf Lager 1 ankam, luden mich Rūta und Saulius in ihr Zelt ein. Es gab Käse, Schinken und Knoblauch. Lecker. Saulius erzählte vom Himalaja. Die Geschichten waren sehr interessant und manchmal sogar lustig.
Heute Nacht sollte der Wind noch einmal zunehmen. Laut Wetterbericht bis zu 75km/h. Mein Zelt hatte ich schon gesichert. An allen 4 Ecken im Innenzelt hatte ich große Steine hingelegt. Platz war ja genug und so konnte es mir nicht davonfliegen wenn ich nicht drinlag. Hauptsache das Außenzelt zerreist es heute Nacht nicht. Da das gute alte Coleman schon letztes Jahr starken Winden und Böen standgehalten hatte, war ich zuversichtlich.
Kurz nachdem die Sonne unterging hatte es schon –10°C im Zelt. Mein Camelbak war logischerweise noch immer eingefroren. Als Behältnis für Getränke stieg ich nun auf die Weithalsflasche um und außerdem hatte ich noch eine leere 1 ½ Liter Mineralwasserflasche, die ich im Basecamp bei den Rangern abstauben konnte. Eigentlich sollte sie aber als Pissflasche dienen, doch dafür hatte ich schon Ersatz gefunden. Da man am Tag mindestens 5 Liter trinken muss um sich gut zu akklimatisieren, muss man auch nachts 1-2x raus zum Pinkeln. Wenn man eine Pissflasche hat und noch dazu allein im Zelt ist, kann man sich das natürlich leichter machen. Oder, um Hans Kammerlander zu zitieren: wenn du mal nachts nicht raus musst kannst du es mit dem Gipfel vergessen.
Der Wetterbericht, den ich auch heute wieder von Christine per Satellitentelefon übermittelt bekam, versprach noch immer gute Bedingungen für das Wochenende. Wir würden nur aushalten und uns rechtzeitig in Startposition (Lager 2) bringen müssen. Es bestand überhaupt kein Anlass umzukehren und die Akklimatisation, die schon sehr gut voranschritt, wurde mit jedem Tage in der Höhe noch besser.
Selbst auf Lager 1 gab es noch ein paar Mäuse. Wenngleich nicht so viele wie im Basislager. Da manche Bergsteiger ihren verdammten Müll liegen lassen finden die Tierchen immer etwas zu fressen. Dann gibt es noch ein paar Greifvögel, die die Mülltüten auffetzen und bei dem Wind fliegt dann der ganze Mist davon.
Do, 01.03.07 – Vom Lager 1 zum Col Camp
Gegen Mittag machten wir uns auf den Weg Richtung Lager 2. Je höher wir kamen um so stärker wurde der Wind. Am Grat, wo ich gestern meinen Rucksack deponiert hatte, war es besonders schlimm. Und wieder begann es zu schneien. Ich tauschte die Trekkingschuhe gegen die Plastikbergschuhe und nahm zusätzliches Gepäck aus dem Depot auf, was ich später brauchen würde. Bis Camp 2 würden wir es aber ganz sicher bei den Bedingungen nicht schaffen. Wir wollten zusehen, dass wir wenigstens bis zum Col Camp kamen, das auf etwa 5500m liegt. Bis dahin war es nicht mehr weit und über dem Grat lies der Wind dann auch etwas nach. Am Col Camp angekommen bauten wir zunächst eine Schutzmauer aus Steinen aus. Rūta und Saulius boten mir einen Platz in ihrem Zelt an, so brauchte ich meins gar nicht aufbauen. Platz war genug und zu dritt im Zelt ist es unterhaltsamer und wärmer. Arbeiten wie Schneeschmelzen und kochen konnten wir aufteilen. Ich machte gleich mal den Anfang und schmolz 2 Stunden lang Schnee für Trinkwasser und zum Kochen. Ansonsten aber leistete Saulius immer den größten Anteil bei solchen Arbeiten, was ihm aber auch Spaß machte.
Den ganzen Abend schneite und stürmte es, im Zelt aber war es gemütlich und warm.
Fr, 02.03.07 – Vom Col Camp zum Lager 2
Am Nachmittag ließ der Wind nach und Saulius gab wieder einmal den entscheidenden Schub: Fertigmachen zum Aufstieg nach Lager 2. Da wir nur ein Zelt aufgebaut hatten, waren wir schnell bereit. Zum letzen Mal Rucksäcke nach oben tragen war im Moment mein einziger Gedanke. Bis zum Camp 2 auf 5830m ist es nicht besonders weit, doch das letzte Stück hatte es in sich, denn es ist extrem steil und man geht auf losem Schotter wobei man bei jedem Schritt (der ohnehin nicht länger als eine Schuhlänge ist) einen halben wieder zurückrutscht. Ich hatte ordentlich zu kämpfen und die letzten Meter fielen mir sehr schwer mit dem elenden Monster von Rucksack, den ich am liebsten den Hang runtergeschmissen hätte.
Auch auf Camp 2 bauten wir wieder nur ein Zelt auf. Mir war das vor allem der Unterhaltsamkeit wegen lieber, denn Saulius erzählte wie jeden Abend wieder von Everest Shishapangma & Co. Außerdem kochten die beiden und ich brauchte nur zu essen.
Sa, 03.03.07 – Ruhetag auf Lager 2
Das Zelt verließ ich an dem Tage nicht mehr sehr oft, doch ab und an trieb mich der fantastische Blick auf den Polengletscher zu Fotos raus. Gegen Abend rief ich wieder Christine an. Sie versprach mir für morgen bestes Gipfelwetter. Ich war so berauscht von den Wetterdaten, dass ich Saulius mit meiner Freude ansteckte. Er holte seine Videokamera raus und ich musste die Wetterdaten noch einmal vorlesen. Dabei mussten wir ausgiebig lachen, denn die stündlich sinkenden Windgeschwindigkeiten betonte ich immer besonders. Der Gipfelsturm für morgen war jetzt beschlossene Sache. Das Warten sollte ein Ende haben.
So, 04.03.07 – Gipfeltag
Die Nacht war ruhig und klar. Den Wecker hatten wir auf 5:30 gestellt, standen jedoch erst gegen 6:00 auf. Erst einmal Tee kochen und frühstücken. 7:18 waren wir startklar. Die Sonne ging gerade über dem Valle de Vacas auf und zwischen White Rocks und Indepencia – auf der anderen Seite – stand der Vollmond am Himmel. Fantastisch.
Wir legten die Steigeisen an und gingen langsam los. Außer Teleskopstöcken, meiner Kamera, dem Satellitentelefon, 1,5 l Wasser und ein paar Powerbars hatte ich nichts weiter dabei. Leichtes Gepäck. An Klamotten trug ich 2 paar lange Unterhosen, darüber die GoreTex-Hose, dicke Norwegersocken in den Plastikbergschuhen, ein Funktionsunterhemd, eine Fleecejacke, die fette North-Face Daunenjacke, Windstopperfleece-Handschuhe, dicke Daunenhandschuhe und auf dem Kopf die Norwegermütze. Ich hatte überlegt, ob ich nicht 2 Paar von den dicken Socken anziehen sollte. Saulius meinte jedoch das wird bestimmt zu eng im Schuh. Besser nur ein Paar anziehen und den Fuß im Schuh noch bewegen können war sein Tipp. So machte ich es auch mit dem Resultat, dass der große Zeh des rechten Fußes gleich nach ein paar Metern gefühllos vor Kälte wurde. Während des Laufens versuchte ich den Zeh im Schuh nun immer auf und ab zu bewegen, Wenn die Sonne höher steht und mehr wärmt wird sich das schon geben und so war es schließlich auch. Saulius, der Nepal-Mountain-Top Schuhe (schwere Lederbergschuhe) + Überschuhe anhatte, ging es ähnlich. Nur, dass es bei ihm nicht ein Zeh war, sondern beide Füße. Am Aconcagua holen sich jedes Jahr einige Bergsteiger schwere Erfrierungen. Wir wussten das und wollten auf jeden Fall gut auf Hände und Füße achten, dass sie ja warm blieben.
So, 04.03.07 – Gipfeltag Teil 2
Die Steigeisen brauchten wir in diesen Firnhängen von Anfang an. Würde man ohne die Eisen gehen und stürzen, so wäre das zwar nicht sonderlich schlimm, denn die anschließende Rutschpartie endete nach wenigen Metern im Gesteinsschutt, doch einfacher war es natürlich sicheren Halt zu haben und zügig voranzukommen. Einige Meter unterhalb des Weges ragten die Reste eines im Eis vergrabenen Zeltes heraus. Saulius vermutete, dass man damit einen toten Bergsteiger verdeckt hatte. Im Himalaja ist das wohl so üblich und tatsächlich werden auch am Aconcagua nicht alle Verunglückten geborgen. Uns war allerdings nicht danach der Sache auf den Grund zu gehen und so stiegen wir in Gedanken versunken weiter bergauf.
Nach einiger Zeit erreichten wir die verfallene Hütte des Lagers Indepencia und damit die Normalroute. Hier trafen wir einige Bergsteiger, die aus dieser Richtung aufstiegen. Die meisten gingen unheimlich langsam. Zumindest kam uns das so vor und Saulius meinte daraufhin, dass einige kaum Chancen auf den Gipfel hätten.
Von Indepencia her steigt die Route weiter querend zu den Hängen des Aconcagua an, bis man schließlich auf die berüchtigte Canaletta trifft. Das ist eine 300Hm Geröllrinne (Couloir) auf deren Gesteinsschutt man bei jedem Schritt einen halben zurückrutscht. Nicht aber in diesem Jahr. Im rechten Teil der Rinne lag Schnee, der verfirnt war und deshalb mit Steigeisen relativ leicht zu bewältigen war. Zudem war es windstill und das Wetter fantastisch. Wir kamen zügig voran. Ab und an stiegen wir an einigen Gruppen vorbei. Etwa eine Stunde vom Gipfel entfernt kam uns ein Führer mit seinem Klienten von oben her entgegen. Wir beglückwünschten sie zum Erreichen des Gipfels und unterhielten uns kurz. Der Führer meinte, er führe bereits seit Ende November letzten Jahres am Berg, doch solch einen Tag wie heute hätte er die ganze Saison noch nicht erlebt. Wir wüssten gar nicht, was wir für ein Glück mit dem Wetter hätten. Grinsend stiegen wir weiter hinauf und ich ertappte mich dabei, wie ich versuchte „Conquest of Paradise“ zu pfeifen. Ich versuchte ein paar Mal die Lippen zu spitzen, doch es kam kein Ton heraus. Vielleicht liegt das an den Druckverhältnissen, dachte ich mir und fragte Saulius warum das mit dem Pfeifen nicht ginge. Mit ernster Mine sagte er nur: „gottseidank geht es nicht, denn das wäre sehr frustrierend für die anderen Bergsteiger wenn einer auf 6900m Höhe pfeifend an ihnen vorbeiläuft“. Ja, mir geht es wirklich prächtig dachte ich: keinerlei Kopfschmerz, keine Atemnot, nichts. Ab und an warf ich einen Blick auf den Pulsmesser der mit 130 den Durchschnittswert des Aufstiegs anzeigte.
So, 04.03.07 – Gipfeltag Teil 3
Während der Aufstieg 8 ½ Std. gedauert hat, ging es runter zu Camp 2 in nur 2 ½ Stunden. Als erstes kochte ich Suppe und Tee. Alle krochen wir heute abend schnell in unsere Schlafsäcke. Feiern wollten wir unseren Gipfelsieg erst morgen im Basislager.
Mo, 05.03.07 – Abstieg von Lager 2 ins Basislager
Am Abend erreichten wir das Basislager. Daniel Lopez hatte eine Bergsteigergruppe von 25 Mann aus Holland zu Gast. Damit war der Laden voll und wir mussten uns eine andere Lokalität für unsere Party heute abend suchen. Es lag nahe das Zelt von Saulius und Rūta zu nutzen, denn da kannten wir uns ja aus. Die beiden kochten zur Abwechslung mal wieder. Diesmal aber noch viel besser als je zuvor: es gab frisch gekochte Kartoffeln, als Vorspeise einen Eintopf mit Weiskohl, Salat, Käse und Salami. Als Aperitif einen argentinischen Ramazotti, dessen Alkoholgehalt 17% über dem des Getränks liegt, das wir so bezeichnen und der pur eigentlich ungenießbar ist. Dann wurde eine Flasche Rotwein entkorkt und dekantiert. Wir ließen es uns schmecken und gingen nach dem Essen langsam aber sicher in Schräglage. Das konnte uns aber nicht vom Genuss der Getränke abhalten wobei Stimmung und Unterhaltung immer ausgelassener wurden. Wir hatten es alle drei geschafft und das wurde jetzt gefeiert. Als die Neige der Flaschen erreicht war krochen wir in die Schlafsäcke – das jedoch nicht ohne vorher eine weitere gemeinsame Tour auf einen Berg vereinbart zu haben (ohne jedoch ein konkretes Ziel zu nennen).
Di, 06.03.07 – Vom Basecamp ins Valle de Vacas
Die ersten Stunden des Abstiegs gingen ganz locker. Ab und an hielten wir an um zu fotografieren. Saulius hatte noch 2 Dosen Bier, die er von Daniel Lopez für ein paar volle Gaskartuschen bekommen hatte. Wir tranken sie aus damit er Gewicht sparen konnte, denn sein Rucksack war ja der schwerste von uns allen.
Di, 06.03.07 – Vom Basecamp ins Valle de Vacas Teil 2
Di, 06.03.07 – Vom Basecamp ins Valle de Vacas Teil 3
Weiter ging es nun Richtung Pampa de Leñas und langsam schmerzten Rücken und Hüften von der Last des Rucksackmonsters. Unsere Schritte wurden langsamer und deren Länge merklich kürzer. Zeit eine Pause zu machen. Auf einer sumpfigen Wiese etwa 2km hinter Casa de Piedra, deren Grün uns zum Verweilen einlud machten wir Rast. Fluchend unter dem Einsinken in den Modder holte ich Wasser vom Fluss und kochte Kaffee während die anderen beiden ihre unerschöpflichen Vorräte auspackten. Ihre Leckereien erschienen mir endlos. Und immer luden sie mich ein daran teilzuhaben.
Bald wurde es dunkel und es regnete leicht. Am Himmel hingen schwarze Wolken und ließen uns erahnen unter welchen Bedingungen die Holländer möglicherweise gerade ihre Zelte aufbauen. Zunächst dachte ich www-ihrseidnichtdabei-de, doch als ich später den Wetterbericht der nächsten Tage im Internet verfolgte, war eines Gewissheit: bei 0-25km/h Windgeschwindigkeit am Gipfel für einen Zeitraum von 5 Tagen würde es am Wetter garantiert nicht scheitern und das freute mich sehr für sie. Dass allerdings einmal der Helikopter heute abend über uns hinwegflog deutete daraufhin, dass die Gruppe nicht mehr ganz vollzählig war. Genaueres würden uns die Parkranger in Pampa de Leñas morgen sagen können.
Wir hatten alle Stirnlampen auf und folgten dem Pfad. Einmal verloren wir ihn und plötzlich stand ich inmitten von Gesteinsblöcken. Liegt der Pfad unterhalb der Blöcke oder vielleicht doch oberhalb? Hier geht es jedenfalls nicht entlang. Ich schaltete das GPS an, doch nun rächte sich, dass ich die Route nicht aufgezeichnet hatte. Brauchbare Informationen waren also kaum vorhanden. Das Gerät konnte mir zwar sagen, wie weit es noch bis Pampa de Leñas ist, doch das war nicht die Antwort auf meine Frage, denn im Moment suchte ich nur den verdammten Pfad. Ich schaltete das Ding aus und setzte meinen Weg durch die Geröllwüste fort. Die Anderen bewegten sich unterhalb meiner Position. Saulius gelang es irgendwann back to track zu kommen, doch ich wurde den Eindruck nicht los, dass die Steinmännchen nur dort aufgebaut wurden, wo sie ohnehin keine alte Sau brauchte. Gegen Mitternacht – wir waren bereits seit 11 Stunden unterwegs – signalisierte die Annäherung des GPS an Pampa de Leñas trotz mehreren Stunden Gehens kaum erkennbare Fortschritte. Wir beschlossen zu lagern und ich schaltete die Stirnlampe auf Fernlicht um. Das reichte ja 120m laut Beschreibung und tatsächlich wurde ich schnell fündig bei der Wahl für einen Standplatz für unsere Zelte. Unten am Flussstrand war großer weicher Untergrund. Dass der bei entsprechendem Wind ein Vorratsdepot für das Trägermaterial eines Sandstrahlgebläses sein würde entzog sich um diese Uhrzeit unserem Urteilsvermögen und so bauten wir ganz unvoreingenommen unsere Zelte auf. Das Zelt aufgebaut und im Schlafsack liegend warf ich erst mal den Kocher. Ohne zu wissen was ich denn eigentlich kochen wollte, entschied ich mich für ein Getränk. Ich hatte die Wahl zwischen Kaffee und Kamillentee, was zugegebenermaßen eine weite Spanne zwischen zwei Extremen darstellt. Da es für Kaffee wirklich nicht die geeignete Uhrzeit war, entschied ich mich für Letzteres. Leider hatte ich kein Sieb um den Tee abzuseien. Doch über solche Belanglosigkeiten konnte ich mir dann Gedanken machen, wenn ich das nächste Mal vor meine Equipmentliste sitze würde und überlegte welches Teil man besser gegen ein anderes ersetzen sollte. Jetzt würde mein Gebiss dass Sieb für den Kamillentee sein müssen und ich öffnete schon mal den Ausgang des Zeltes, um die Blüten beim Trinken des Tees hinausspucken zu können.
Mi, 07.03.07 – Weiter hinaus aus dem Valle de Vacas
Pampa de Leñas erreichten wir gegen 12:30. Fast 2 Stunden wären es also gestern noch bis zu unserem Ziel gewesen. Der Ranger checkte unsere Permits und stellte fest, dass der Stempel für die Abgabe von den Mülltüten fehlte. Wir sagten, wir hätten diese schon im Basecamp bei den Rangern abgegeben, was auch der Wahrheit entsprach. Per Funk nahm er Kontakt mit dem Basislager auf und kontrollierte das. Außer dem Abfall hatten wir den Rangern noch jede Menge Nahrungsmittel und volle Gaskartuschen dagelassen. Sie würden sich also auf jeden Fall an uns erinnern. Es war alles O.K. Wenn es nicht so gewesen wäre, hätten wir eine Strafe von 200 Dollar zahlen müssen. Bevor wir gingen fragten ich nach, was es mit dem Hubschrauber gestern Abend auf sich hatte. Normalerweise fliegt er ja nur am Morgen, es muss also eine guten Grund gehabt haben. Der Ranger bestätigte unsere Vermutung. Zwei ältere Teilnehmer der holländischen Gruppe hatten Probleme mit dem Herzen, deshalb holte sie der Helikopter runter.
Nach einer kurzen Pause setzten wir unseren Weg fort. Mir ging dabei die ganze Zeit ein Lied von Xavier Naidoo durch den Kopf: „dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer“. Und das war er auch. Besonders schwer aber war der verdammte Rucksack. Immer öfter stolperte ich, verlor dabei das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Saulius ging es zweimal ebenso. Nach 6 Stunden dachte ich mir, jetzt noch eine Stunde, dann müsste doch endlich der Ausgang des Tales in Sicht kommen. Stattdessen erschienen immer neue Biegungen und kurze Anstiege. Endlich aber signalisierten die ersten Bäume, dass es nicht mehr weit sein konnte. Von den Bäumen wusste ich, dass sie nur am Anfang des Tales stehen. Bevor ich in die Zivilisation zurückkehrte, wollte ich mich noch einem Waschgang unterziehen und frische Sachen anziehen. So stinkend wie letztes Jahr wollte ich mich diesmal nicht in den Bus setzen.
Bald kamen die anderen beiden und gemeinsam marschierten wir nun vor zur Straße. Dann fielen wir in die kleine Truckerkneipe ein, bestellten ein Bier und das Tagesmenü. Außer uns saßen noch 2 Mädchen aus Österreich und der Schweiz in dem Restaurant. Sie waren mit dem Fahrrad von Chile nach Argentinien unterwegs. Wir kamen ins Gespräch und eine der beiden fragte, ob sie mal einen der Rucksäcke anheben dürfe. Sie erwischte den von Saulius und ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, als ich sah, dass sie ihn kaum ein paar Zentimeter vom Boden hochheben konnte. Als ich ihr sagte, dass Saulius den Rucksack gestern 11 Stunden und heute 6 Stunden getragen hatte, schaute sie mich ganz ungläubig an.
Saulius telefonierte mit Aymara in Mendoza. Bei denen hatte er im Vorfeld schon den Transport von Las Vacas nach Mendoza gebucht und bezahlt. Es war noch ein Platz frei für mich und ich nahm das Angebot dankbar an mit nach Mendoza zu fahren. Eigentlich müsste ich zwar nach Santiago de Chile, doch dafür war es heute ohnehin schon zu spät. Angeblich sei auch die Grenzstation über nacht zu.
Gegen Mittenacht kamen wir in Mendoza an. Wir fuhren zu dem Hotel, in dem der dritte Litauer abgestiegen war. Willmann begrüßte uns überschwänglich und gratulierte uns zu der erfolgreichen Tour, die für ihn ja ein vorschnelles Ende gefunden hatte. Er war aber wieder vollkommen genesen und spielte jeden Tag Tennis in Mendoza. Nach einer überfälligen Dusche zogen wir noch mal los zu einem italienischen Restaurant. Es gab viel zu erzählen.
Fr, 09.03.07 – Von Mendoza zurück nach Santiago de Chile
17:45 startete der Flieger und diesmal flog der Pilot doch tatsächlich am Aconcagua vorbei, so dass ich noch einen wehmutsvollen letzten Blick auf den Berg werfen konnte...
Die diesjährige Besteigung des Aconcaguas war für mich eine der schönsten Touren, die ich bisher unternommen habe. Von Anfang an lief alles zu meiner vollsten Zufriedenheit. Jeder Tag war ein Highlight und es hat richtig Spaß gemacht. Der größte Glücksfall aber waren für mich Rūta und Saulius. Ohne sie wäre es halb so schön und um einiges gefährlicher gewesen. Während der kurzen Zeit, die wir zusammen verbringen konnten, sind mir die beiden sehr ans Herz gewachsen. Ich möchte mich nochmals ganz herzlich bei ihnen bedanken und hoffe sie eines Tages wiederzusehen, um vielleicht wieder eine Tour gemeinsam mit ihnen unternehmen zu können. Saulius, der einer der besten Alpinisten Litauens ist, wird noch dieses Jahr zum Broad Peak aufbrechen. Weiterhin hat er vor, den Mt. Everest noch einmal von der Südseite her zu besteigen. Ich wünsche ihm für diese beiden Expeditionen viel Glück. Möge er Erfolg haben und hoffentlich gesund zurückkehren.
Mein besonderer Dank aber gilt Christine, die mir täglich die Wetterdaten per SMS an das Satellitentelefon gesandt und vor der Tour noch extra einen neuen Reisverschluss in mein altes Colemanzelt eingenäht hat. Außerdem hat sie die Website mit aktuellen Meldungen versorgt und einige konnten so die Tour nahezu live mitverfolgen. Mir kamen fast die Tränen als ich die Beiträge dann in Mendoza lesen konnte. Wir haben täglich telefoniert und vor allem die Gewissheit über die bevorstehenden Schönwettertage haben uns in den oberen Lagern sehr geholfen auszuharren.
Nicht zuletzt möchte ich mich bei allen bedanken, die mir täglich SMS gesandt und mir die Daumen gedrückt haben. Das hat mir viel Mut gemacht mich nie an der Erreichbarkeit meines Zieles zweifeln lassen.
Login
Seite versenden
Seite drucken
Sitemap