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campanile - brenta

16. September 2005
Bewertung: voller Bewertungspunkt voller Bewertungspunkt voller Bewertungspunkt leerer Bewertungspunkt leerer Bewertungspunkt
(3.3 bei 7 Bewertungen)
von: bergruhrie
Land: Italien
Eine tolle Besteigung

Besteigung des Campanile

Sommer 2001

Nach erfolgreichen Besteigungen diverser 4000er im Wallis zog es uns dann wetterbedingt in die Brenta, unser Ziel: der Campanile!

Da wir erst abends dort angekommen sind, beschlossen wir zunächst im Rif. Vallesina zu übernachten, um danach gemütlich zum Rif. Pedrotti zu schlendern. Am nächsten Tag kamen wir auf dem halben Weg dorthin am Einstieg der Fehrmann – Route vorbei, und da wir ja Zeit ohne Ende hatten, sind wir, um uns an Kalk zu gewöhnen (schließlich beschäftigten wir uns diesen Sommer meist mit Granit) die ersten beiden Seillängen geklettert, immerhin lt. Topo satte IVer! Das klappte hervorragend, die Stimmung war phänomenal. Die letzten Meter zur Pedrotti – Hütte drehten sich nur noch darum wie wir den Campanile ordentlich feiern könnten!
Am nächsten Morgen dann, lange bevor alle Klettersteig – Aspiranten sich auf den Weg machten: die Ernüchterung! Dunkle Wolken legten sich über die Brenta! Der Hüttenwirt konnte auch nichts erfreuliches berichten, aber egal, Männer oder Mäuse, wir zogen los. Vielleicht reißt es ja doch noch auf. Pünktlich auf der Bocchetta fing es an zu regnen, aber wenn wir schon mal hier sind, dann lass uns schon mal den Einstieg suchen. Den dann auch glücklich gefunden ... und dann goss es in Strömen. Schnell zurück zur schützenden Hütte! Da saßen wir nun, eigentlich unser letzter Urlaubstag, entsprechend war die Stimmung! Übermorgen habe ich wieder Nachtschicht! Dann die Idee, wenn wir morgen auf den Campanile steigen, sofort absteigen und bis Stuttgart fahren (wo mein Auto stand) könnte ich es ja noch rechtzeitig schaffen... . Wieder den Hüttenwirt konsultiert, und siehe da, der Wetterbericht versprach schönes Wetter! Also, wir bleiben noch eine Nacht! Nach einem litro vino stieg wieder die Stimmung und trotz vollem Lager konnten wir gut schlafen, bis dann der Wecker um halb sechs uns aus den Lagern riss. Schnell ein kurzes Frühstück, die gepackten Rucksäcke ergriffen und los ging es. Die ersten Meter des Bochettewegs frei um Zeit zu sparen und dann zum Einstieg des Normalweges. Schuhe aus und in irgendeinem Felsloch versteckt, Gurt und Patschen an, Seil fertig, los geht’s! Die ersten Klettermeter: Genuß pur ! Endlich mal wieder griffigen Kalk an den Händen und unter den Füßen!
Dann die erste Schwierigkeit: die Pooliwand. Dort stieg der Holger vor , es klappte prima, also: weiter! Die nächsten Seillängen waren unproblematisch, immer schön im Wechsel, doch dann kam der sogenannte Y-Kamin. Lt. Topo und Beschreibung sollte man den linken benutzten, tat ich auch, ich war wieder im Vorstieg und eigentlich liebe ich Kaminkletterei. Doch dann ... wurde es sauschwierig, weit und breit kein vernünftiger Haken mehr, nur so eine alte Rostgurke! Schnell einen Keil gelegt, die letzte vertauenswürdige Sicherung war der Standplatz ca. 20m unter mir! Ich fluchte wie Schwein: „Das kann doch nie im Leben nur ne III+ sein! Dat is schwieriger, oder haben wir uns verstiegen?!“ Aber dann, irgendwie bin ich über die meines Erachtens überhängende Stelle hinweggekommen und plötzlich, nach ein paar weiteren Klettermetern: die Strada Provinciale und ein satter Standplatz! Welch Erleichterung!

Nachdem wir auf ihr den halben Berg umrundet hatten ging es durch einen gemütlichen Kamin zum Albergho di Sole. Hier wartete dann die letzte Herausforderung: die Ampferer-Wand, V oder IV/A0! Jetzt gilt es die letzen Reserven zu aktivieren, nochmal einen Schluck aus der Trinkflasche, ein wenig Chalk auf die Finger um die Nerven zu beruhigen und los geht’s! Die ersten Meter klappten hervorragend, doch dann: ein Krampf in den Fingern! Sch..., doch zu wenig trainiert in der Vorsaison! Aber egal Finger gerade gebogen und weiter, der nächste Haken wird zitternd eingehangen, Pause, und weiter, neuer Krampf, Finger gerade biegen und weiter, die Schlaghaken sehen auch nicht gerade vertrauenerweckend aus! Also Keil legen, sitzt der auch gut, jau! (Den hat keiner mehr raus bekommen!) Und weiter, du musst dich jetzt nach links orientieren (schon tausendmal bin ich in Gedanken dem alten Ampferer nachgeklettert!), ach ja da sind ja wieder Haken, klink, die nächste Express sitzt! Durchatmen und weiter! Bald kam schon die nächste Möglichkeit den letzten stand zu machen. So geschehen, Holger kam nach und kletterte dann die letzten Meter nach oben – zum Gipfel! Jubelschreie! Ich löse meinen Stand auf und komme über gemütliche Kletterei zum Gipfel! Das Gefühl war unbeschreiblich. Ein Traum hat sich erfüllt, wir beide, die schon seit Jahren zusammen durch die Berge stolpern, sind auf dem Campanile. Seit dem wir ihn das erste Mal vor Jahren vom Bocchetteweg aus gesehen haben, galt er als der Traumberg schlechthin. Und nun sind wir oben! Freudentänze, Fotos, Gipfelkippe und erstmal raus aus den Patschen, die Füße schmerzen gewaltig! Welch ein Feeling, wir könnten die ganze Welt umarmen! Jetzt ein Zelt hier aufbauen, den Grill auspacken ... wer hätte das gedacht, bei dem gestrigen Wetter, aber da war ja noch was... verdammt, das ganze nochmal abseilen, warum gibt es keinen gemütlichen Abstieg (wie z.B. an der Roggalkante oder dem Alpenrautekamin?) Naja, irgendwoher muß die Mystik dieses Berges ja herkommen. Also, alles klar zum abseilen! Die ersten Abseilpisten waren o.k., oberhalb der Pooliwand, wir müssen doch rechts um so ne Kante rum , ich schleich mich da rum, nein das war es nicht, also zurück, noch mal neu orientieren, ach da ist Abseilstelle ja! Und weiter abwärts. Endlich waren wir am Einstieg, die Schuhe waren noch da, welch ein Genuß die Patschen gegen normale Bergschuhe zu tauschen! Dann auf den Bocchetteweg zurück, in Ruhe eine Zigarette mit Blick auf den Campanile, it was wonderful!
Schnell zum Rif. Pedrotti, die zurückgelassenen Sachen holen und ab Richtung Tal. Erst mal ein Bierchen am Rif. Casinei und dann in der beginnenden Dunkelheit runter nach Vallesinella, wo das Auto steht. Über den Rest legen wir den Mantel des Schweigens, da war nur fahren, fahren, fahren.... .

 
08.02.2012 21:30:02