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Balfrinüberschreitung

7. Oktober 2005
Bewertung: voller Bewertungspunkt voller Bewertungspunkt voller Bewertungspunkt voller Bewertungspunkt leerer Bewertungspunkt
(4.2 bei 11 Bewertungen)
von: re.knapp
Land: Schweiz
Einsam in großartiger Umgebung

Bordierhütte

Mist,
auch das noch. Auf der Strasse nach Gasenried hält uns eine Baustelle eine halbe Stunde auf. Zeit genug um uns vorzustellen.

Hallo, wir zwei sind die Cordula und der Reinhard. Eine seit dreißig Jahren eingespielte Seilschaft.

Unser Aufstieg zur Bordiehütte ist so schon knapp geplant und jetzt auch das noch. Um 18:00 ist Abendessen angesagt. Jetzt, wir schultern unsere Rucksäcke, ist es 15:00 Uhr und im Führer stehen vier Stunden Gehzeit. Stress im Urlaub?

Was bleibt uns anderes übrig als einen Gang höher zu schalten und wir schaffen es um zehn nach Sechs an der Hütte zu sein. Hier alles in friedlicher Ruhe. Essen gibt es so gegen halb Sieben. Wozu haben wir uns eigentlich abgehetzt?
Egal, so können wir alles in Ruhe angehen lassen. Da außer uns nur noch fünf weitere Hüttengäste anwesend sind gibt es auf dem Lager Platz im Überfluss.
Das Abendesen ist vorzüglich und beim Gespräch erfahren wir, dass das andere Pärchen auch auf den Balfrin und danach übers Ulrichshorn zu den Mischabelhütten gehen will.
Die anderen drei haben einen Abstecher vom Europaweg hierher gemacht und genießen die gemütliche Hütte.
Als der Hüttenwart uns mitteilt: „Wecken um drei Uhr“ fällt mir verständnislos die Schublade herunter. Für den Balfrin um drei Uhr aufstehen????
Die sind verrückt die Schweizer.

Riedgletscher

Sonnenaufgang am Riedgletscher
Sonnenaufgang am Riedgletscher
Drei Uhr.
Pünktlich wie die Mauerer weckt der Hüttenwart. Trotz der unchristlichen Zeit ist es heute angenehm aufzustehen und zu frühstücken. Kein Gedränge, keine Hektik. Bei vier Personen ist das auch keine Kunst.
Morgentoilette in der Dunkelheit vor der Hütte? Fällt heute aus.
Vor der zweiten Seilschaft machen wir uns auf den Weg in die Dunkelheit. Durch das Blockwerk ist der “Weg“ nicht leicht zu finden und wir müssen ständig aufpassen damit wir den nächsten Steinmann sehen. Irgend etwas stimmt heute mit meiner Stirnlampe nicht. Entweder sehe ich so schlecht oder leuchtet die Funsel so schwach?? „Oh je, die Billigbatterien aus dem Supermarkt. Eigentlich solltest du wissen, dass die nichts taugen. Aber die waren doch sooo günstig. Das nächste Mal kaufst du wieder Qualitätsmarken“. Es dauert nicht lange und ich muss die Ersatzbatterien bemühen.
Jetzt ist es doch passiert. Wir finden den nächsten Steinmann nicht mehr. Umherirren und Suchen ist angesagt. Ein gutes Stück hinter uns kommen zwei blauweiße Lichter angetanzt. Aha die zweite Seilschaft mit ihren hightech Stirnlampen. Wir geben die Suche auf und üben uns in Geduld bis die beiden mit ihren Suchscheinwerfern auftauchen. Schwups haben sie den Weiterweg gefunden. Rechts unter uns haben wir zwar den Gletscherbach gehört aber nicht daran gedacht, dass es dort weitergehen könnte. Einfach lässt er sich überqueren. Wir geben Gas und bald sind die anderen wieder ein Stück hinter uns.
Der Gletscher ist erreicht. Anseilen angesagt. Ein Stück weiter oben wird es steiler und an einer Spalte ist auf der anderen Seite nur noch schwarz zu sehen. Wieder Suche nach dem Weiterweg. Sch... Stirnlampe. Wieder holen uns die anderen ein und zeigen uns wo es weitergeht.
Jetzt reicht es mir und ich bitte Cordula, die besser als ich sieht, vorzugehen. Drüben im schwarzen Dreck geraten wir auf splittriges Blankeis. Die Steigeisen halten nicht optimal. Dann wird’s auch noch steiler und ein kleines Eisgrätchen ist zu übersteigen. Alles zusammen eine Situation die Cordula überhaupt nicht mag und schon gar nicht im Dunkeln und im Vorstieg. Jetzt heißt es für mich schön still sein und ja keine blöden Bemerkungen machen sonst gibt es Zoff. Dreißigjährige Erfahrung hat mich gelehrt in solchen Situation ruhig und geduldig zu sein. Mit Ruhe und Zeit meistert sie auch solche Situationen.
Jetzt wird es flacher und vor allem hell. Die Batterien hätten auch nicht mehr lange durchgehalten.
„Vielleicht sollte man sich solch LED-Lampen mit dem hässlichen Licht kaufen??? Nach einer kurzen Überlegung verwerfe ich den Gedanken wieder. Lieber ein wenig dunkler, aber dafür gemütlich“.
Immer wieder der gleich magische verzaubernde Augenblick, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Gipfel erreichen. Das ideale Fotolicht geht heute besonders schnell vorbei und ich schaffe es kaum die Kamera schnell genug aus dem Rucksack zu holen. Fotopause.
Die anderen beiden haben es sich offensichtlich anders überlegt. Sie lassen den Balfrin links liegen und steuern direkt aufs Ulrichshorn zu.

Riedjoch

Wir setzten den Blinker links zum Riedjoch. Am Beginn des Balfrin Südgrates verschwindet das Seil im Rucksack. Wir werden es den ganzen Tag nicht mehr brauchen. Langsam beginnt die Sonne zu wärmen und das Steigen über diesen einfachen Blockgrat macht richtig Spaß. Aufpassen müssen wir am Gart schon, denn in den beschatteten Teilen der Felsen klebt fast unsichtbar der Reif der frostigen Nacht und dort ist es höllisch glatt.
Um 7:30 Uhr stehen wir nach vier Stunden Gehzeit auf dem Balfrin Ostgipfel. Die Sucherei hat uns auf jeden Fall eine halbe Stunde Zeit gekostet. Macht nichts. Der Hüttenwart hat ja dafür gesorgt, dass wir früh genug unterwegs sind.

Balfrin Ostgipfel

Trotz der wärmenden Sonnenstrahlen fällt der Gipfelhock nicht sonderlich lange aus, denn wir haben noch ein gutes Stück „Weg“ vor uns.
Beim Übergang zum Westgipfel breche ich immer wieder durch den Harschdeckel durch und jedes Mal schiebt es mir die Hose über den Schuh und gibt dem Schnee freien Zugang zu meinen Füßen. Hosen mit einem vernünftigen Schneefang oder Gamaschen wären jetzt angenehm. Ist aber nicht so und deshalb heißt es immer und immer wieder stehen bleiben und den lästigen Schnee aus den Schuhen entfernen. Aber auch diese Gehstrecke geht vorbei und nach einer Stunde stehen wir auf dem Westgipfel.

Schönwetterwolken am Weißhorn
Schönwetterwolken am Weißhorn
Dort drüben, die Gipfelfelsen am Groß Bigerhorn sehen nicht wie Einsergelände aus. Wild und zerrissen stehen sie da. Wie so oft löst sich vor Ort alles in Wohlgefallen auf. Wir müssen auf ein paar Meter sauber die Hände benutzen aber das wars dann auch.

Am Gipfel der Groß Bigerhorns
Am Gipfel der Groß Bigerhorns
Die Groß Bigerhorngipfelrast fällt länger aus. Sind wir doch gut in der Zeit.
Ein Blick in die Abstiegsflanke lässt keine Freude aufkommen. Sie ist in ihrer gesamten Ausdehnung mit losem, groben Blockwerk übersät. Das kann ja lustig werden und wird es auch. Kaum ein Block liegt richtig fest und wenn auch keine Gefahr besteht abzustürzen zum Wehtun oder gar Knochenbrechen reicht es allemal. Ab und zu erkennen wir schwache Wegspuren oder gar einen einsamen Steinmann. Die sind in diesem Trümmerfeld aber bald wieder verloren.
Wir sind froh als wir am Fuße des Hanges wieder Schnee unter den Füßen haben. Hier haben wir den Kreis geschlossen und stehen wieder in unserer Aufstiegsspur vom Morgen. Der Rückweg zu Hütte bringt keine negativen Überraschungen mehr. Am Bach fragen wir uns, jetzt bei Licht besehen, wie wir hier den „Weg“ verlieren konnten.
Bei der Hütte ist es heute noch ruhiger als gestern. Nur der Wart mit Frau und Kind sind anwesend.
Niedersetzen, ausruhen, viel zu Trinken und ein gutes Stück Kuchen tun jetzt gut.
Im Gespräch kommt der Hüttenwart von selbst auf die frühe Ausfteherei zu sprechen.
„ Wisst ihr, wir im Wallis legen so großen Wert darauf, dass die Touristen so früh aufstehen, weil wir nicht wollen, dass sie am Nachmittag im tiefen Sulz absteigen müssen und sie dann die Tour in schlechter Erinnerung haben.“
Ist mir schon verständlich nur wo gibt es Beim Groß Bigerhorn Sulz. Lose Steine genügend, aber denen tut die Sonne nichts.
Die Talhatscher nach solch einer Tour mag ich überhaupt nicht. Sind sie doch nur lästige Pflicht nach der Kür. Vor allem dann nicht wenn ich mir die falschen Socken angezogen habe und mir jetzt bergab blaue Zehennägel laufe. Ich könnte eigentlich schlauer sein.
Auch dieses Leiden geht vorrüber und gegen 15:30 stehen wir beim Auto in Gasenried.
Bei der Rückfahrt wieder die gleiche Baustelle, wieder der gleiche Aufenthalt. Nur diesmal sehr relaxed. Wir habe viel Zeit dank des frühen Aufstehens.
Vielleicht sind die Schweizer doch nicht so verrückt.

 
18.02.2015 16:00:01