Massentourismus als Produkt der Übererschließung
Foto Uwe Knorr
Da ist zum einen ihr alpiner Reiz; sie ist Traumlandschaft aus Stein, die der Spät-sommer für uns in einem ganz besonderen Licht erscheinen lässt. Wir erleben wäh-rend der Tage unserer Kletterausfahrt rasch wechselnde Stimmungen. Während sich über dem Rosengarten schon dunkle Wolkenberge türmen und der Kesselkogel nur noch schemenhaft zu erkennen ist, stehen die Spitzen des Langkofelmassivs im gleißenden Licht. Einmal wärmen uns bei der Gipfelrast auf einem Sellaturm noch die Sonnenstrahlen und doch können wir erahnen, dass den Alpinisten gegenüber auf der wolkenverhangenen Grohmannspitze und am Fünffinger die Kälte durch die Glieder kriechen muss. Oder wir sitzen beim Bier auf der Terasse der Friedrich-August-Hütte, als über dem Grödner Joch schon die Blitze eines nahenden Gewitters zucken. Kaum einer kann sich dem Zauber dieser Landschaft entziehen. Dass der Herbst nicht mehr weit ist, spüren wir, wenn wir morgens fröstelnd unsere Rucksäcke schultern und Rauhreif auf den Almwiesen liegt.
Auf der anderen Seite erleben wir einen Massentourismus als Produkt der Überer-schließung, durch den alpine Landschaft zum bloßen Konsumartikel herabgewürdigt wird. Ein gewaltiger Verkehrsstrom wälzt sich täglich über die Jöcher. Als „unsere tägliche Schlüsselstelle“ bezeichnen wir denn auch die Querung der Passstraße zu Fuß.
Hütten mit Diskountatmosphäre
Foto Uwe Knorr
Auf den Parkplätzen am Joch wird ein Teil von ihnen von der Asphaltpiste ausge-spuckt; zum Fotoshooting mit Langkofel, Marmolada und Pordoi oder zum schnellen Cappucino. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, lässt sich zur Toni-Demetz-Hütte hochliften, reiht sich in die Ameisenstraße ein, die durch die Langkofelscharte führt oder nimmt nebst Speck am Brettl mit Vernatsch noch schnell ein Stück Hüttenromantik in sich auf. Es herrscht Diskountatmosphäre.
Die Pisten ringsum mit ihren Liften und Schneekanonen lassen uns erahnen, dass sich in der Wintersaison die Taktfrequenz noch deutlich erhöht.
Die unmittelbare Nähe der Zivilisation kann über eines leicht hinwegtäuschen: Wir bewegen uns in hochalpinem Gelände, das jeden Fehler sofort bestraft. Fionna, Jochen und Jürgen müssen es hautnah erleben. Ihre geplante Unternehmung, eine zeitraubende Überschreitung des Fünffinger, endet nach einem Verhauer beim Ab-seilen im ungeplanten Biwak. Dass sie die Grödner Bergwacht vor einer kalten Nacht bewahrt, ist allerdings dem Notruf einer unbekannten Seilschaft zuzuschreiben, die sich in einer ähnlichen Situation befindet. Unsere drei Pechvögel hatten sich nach telefonischer Kontaktaufnahme mit uns bereits mit den Umständen abgefunden und waren auf die Biwaknacht eingerichtet.
Nicht nur Chamonix ist international
Foto Uwe Knorr
Da ist Monkey, ein in Schweden lebender Amerikaner, der uns mit seinem Freund in der Vinatzer am dritten Sellaturm nachsteigt und sich dafür schämt, dass er seinen Helm vergessen hat. Wegen der „heroshots“ seien sie hinaufgestiegen, versichert er uns augenzwinkernd. Vom Spiralband aus seilen wir gemeinsam ab und erleben dabei eine herzliche Übereinstimmung, die nur weniger Worte bedarf.
Oder der japanische Bergführer mit seinen Kundinnen, dem Seilschaften von uns an der Daumenkante des Fünffinger und in der Kleinen Micheluzzi am Ciavazes begegnet sind. „Yamaha“ hat ihn Bodo kurzerhand getauft, in Anspielung auf die Ge-schwindigkeit, die er beim Klettern an den Tag legt. Mit stoischer Gelassenheit wartet er hinter uns an den Ständen und lächelt bei jedem Blickkontakt sein geheimnisvolles asiatisches Lächeln.
Weiter sind da der Sachse, den wir „Henry“ nennen und der uns unbedingt für eine Kletterausfahrt in die Sächsische Schweiz gewinnen will oder Ray Weinman mit seiner Wandergruppe aus den Staaten, die sich mit uns die Hütte teilen.
"Dolomitöser Standard" in den Klassikern
Überwiegend in den klassischen Routen direkt am Pass haben wir uns betätigt und konnten deshalb fast immer auf die Autos verzichten. An den Sellatürmen waren es die Kostner-Verschneidung, die Glück-Verschneidung, die Steger-Kante und eine Kombiantion aus Vinatzer und Jahnweg, die wir gegangen sind. Insbesondere der Abstieg vom dritten Turm (2.696 m) auf dem Normalweg ist ein Unternehmen für sich, das nicht unterschätzt werden darf.Die Südwand des Piz Ciavazes (2.836 m) sind wir auf den Routen „Rossi/Tomasi“ und „Kleine Micheluzzi“ hinaufgestiegen; genussreiche Wand- und Rissklettereien in festem abgeklettertem Dolomit.
Im Langkofelmassiv haben die Grohmannspitze (3.114 m) und der Fünffinger (2.996 m) im Mittelpunkt unseres Interesses gestanden. Mehrere Seilschaften von uns sind die Dimai/Eötvös an der Grohmannspitze (Südwand) und die Daumennordkante des Fünffinger gegangen. Leider blieb einer Seilschaft der Erfolg bei dessen geplanter Überschreitung versagt (siehe oben!).
Auch die Pordoispitze (2.952 m) haben wir besucht. Dort gelangen Teilnehmern der Ausfahrt Begehungen der Südkante („Gross/Momoli“ und „Mariakante“).
Zum Standard in den Kletterrouten können folgende Hinweise gegeben werden: Die Stände sind häufig selbst einzurichten, Zwischensicherungen eher nicht vorhanden, Abseilstellen manchmal mit Vorsicht zu genießen, die Routenfindung nicht immer einfach und die Führerliteratur mitunter widersprüchlich. „Dolomitös“, wie es Klaus umschreibt oder ein Stück natürlicher Besucherbeschränkung, wie wir sie in der Etage unter uns vermisst haben.
Von Ulrich Waldbüßer
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