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Weisshorn-Überschreitung Nordgrat - Ostgrat

21. Oktober 2005
Bewertung: voller Bewertungspunkt voller Bewertungspunkt voller Bewertungspunkt halber Bewertungspunkt leerer Bewertungspunkt
(3.9 bei 11 Bewertungen)
von: waldbroel
Land: Schweiz
Weisshorn - Traversierung 1998
Den Sommer 1998 verbrachten mein Tourenpartner und ich wieder im Wallis. Als Abschluß unserer Touren - gut trainiert, akklimatisiert und warm geklettert - stand das Weißhorn auf dem Programm, wieder zu dritt mit unserem bewährten Bergführer Walter Hungerbühler, ein schlanker, drahtiger junger Mann von 35 Jahren, der klettert wie eine Gemse... Mit ihm haben wir im Vorjahr den Spraunzagrat auf den Piz Morteratsch und den Biancograt gemacht, 2 Supertouren, die ich jedem guten Hochtourengeher empfehlen kann. Der Normalanstieg über den Ostgrat ist lang und anspruchsvoll. Deshalb nehmen die Führer am Weißhorn nur einen Gast ans Seil. Entsprechend hoch ist die Führergebühr. Tarif für den Normalweg + anfallende Spesen für den Führer + eigene Kosten sind mal eben ca. 900,-- Franken. Zwar gibt es an diesem Traumberg die Traumtour für mich, nämlich die Überschreitung Nordgrat-Ostgrat. (In einem GEO - Heft wurde 1980 die Traversierung geschildert. Seitdem geht mir diese Tour nicht mehr aus dem Kopf). Aber aus Kostengründen (noch teurer als der Normalweg) kam diese Tour für mich nie in Frage. Geplant war also der Normalweg über den Ostgrat. Beim Telefonat mit dem Bergführer kurz vor der Tour macht dieser mir dann den Vorschlag, das Weißhorn zu traversieren - als ob er Gedanken lesen könnte ! "Aber die Kosten" ....Kein Problem. Er hat eine Freundin, die Bergführeraspirantin ist (und für die somit nur die Spesen anfallen) und so wäre die Tour gut mit Walter und mir möglich. Ich bin begeistert, kann es kaum fassen.....

Treffpunkt mit Wält (dem Führer) und Marianne (der Aspirantin) mittags in Visp. Von dort weiter mit dem Zug nach Sierre und mit dem Bus nach Zinal. Um 14.00 Uhr beginnen wir bei bestem Wetter den Aufstieg zur Tracuit - Hütte, 3200 m. Die 1600 Hm sind gut zum Warmlaufen fürs Weißhorn. Nach 3,5 Stunden (incl. Pause) erreichen wir die Hütte. Diesen Test haben wir zur Zufriedenheit des Führers bestanden.
Die Hütte ist überbelegt und ein Alptraum. Eine belgische Jugendgruppe hält sich gerade dort auf. Beim Abendessen hat jeder Gast so viel Bewegungsfreiheit wie die Breite des Tellers, der vor ihm steht. Das gleiche gilt für den Platz im Lager. An Schlaf ist nicht zu denken. Selbst im Gastraum liegen noch Leute…
Den Nordgrat haben allerdings nur ganz wenig Bergsteiger zum Ziel. Zum Glück ist die Nacht kurz, denn für die Nordgratbegeher gibt es schon um 2.00 Uhr Frühstück.
Nichts wie weg hier!
Als wir vor die Hütte treten, ist schlagartig die Horror - Nacht vergessen: es ist phantastisch - sternenklar und Vollmond. Um 2.30 starten wir. In 10 Minuten ist der Gletscher erreicht. Die Stirnlampen bleiben bis auf einige Spalten, die wir beleuchten, aus. Der Mond wirft unsere Schatten auf den Gletscher. Um 5.00 Uhr sind wir auf dem Bishorn (4150 m). Der leichte Wind dort ist empfindlich kalt und wir legen noch Kleidung nach. Hier setzt der Nordgrat zum Weißhorn an. Zunächst müssen wir 100 Hm über einen Schneegrat ins Weißhornjoch absteigen. Danach beginnt dann der kombinierte Fels - und Firnteil. Der 1. Teil des Grates ist wie mit einer Axt behauen. Türme wechseln mit tiefen Scharten ab. Mehrmals muß von den Türmen abgeseilt und auf der anderen Seite wieder hochgeklettert werden. Überall sind neue Bohrhaken. Wir kommen gut voran und überholen andere Seilschaften. Ich fühle mich am Seil von Walter gut und sicher.

Unter dem Großen Gendarm, 4300 m, wartet die Schlüsselstelle. Sie ist knapp 1 Seillänge hoch, senkrecht, aber gut griffig und mit einem Zwischenstand zum Verschnaufen. Auch hier ist der Standplatz am Ende der Seillänge mit neuen Bohrhaken und einer ganz kurzen, im Fels verankerten Kette versehen. Nach der Schlüsselstelle geht es noch ein Stück am Grat weiter Richtung Gendarm, dann wird dieser auf seiner linken Seite (Ostseite) gequert. Danach beginnt der Firngrat, der, von kurzen Felsstufen unterbrochen, schmal und steil zum Gipfel leitet. Diesen erreichen wir um 10.00 Uhr. Das Wetter ist phantastisch - tiefblauer, wolkenloser Himmel und fast windstill.
Ich kann es kaum fassen und muss weinen - meine Traumtour wurde Wirklichkeit!
Wir machen eine kurze Pause und beginnen dann hochkonzentriert den Abstieg über den zunächst sehr steilen, firnigen Ostgrat. Nach links bricht die NO - Wand 55 Grad steil ab..... Nach 45 Minuten erreichen wir den Beginn des Felsteils (ca. 4100 m). Dort rasten wir dann noch einmal. Ich schaue gerade in Richtung Süden, als ich Leute schreien höre. Ich drehe mich sofort um und sehe eine Person die NO - Wand abgehen. Wie gebannt starren wir alle auf diesen Körper, der immer schneller werdend, sich in der vereisten, glatten Wand überschlagend und um sich selbst drehend völlig ohne Kontrolle auf den Felsabbruch zurast..... Dort entschwindet er unseren Augen... 600 Meter tiefer bleibt er - für uns zum Glück unsichtbar - liegen. Am Gipfel haben wir 1 Stunde vorher noch mit ihm und seinen Kameraden gesprochen. Diese stehen wie gelähmt auf dem Felsabsatz über uns. Unser Führer ordert sofort über Funk einen Helikopter und steigt dann zu den 4 Kameraden auf. 10 Minuten später taucht der Heli auf und fliegt erst einmal an den Wandfuß zum Abgestürzten - +dort gibt es nichts mehr zu retten. Mit Hilfe eines Flugbegleiters, der punktgenau am schmalen Grat abgesetzt wird, fliegt er nach und nach die Kameraden zur Weißhornhütte hinab. Zum Schluss fliegt er dann noch einmal zum Wandfuß...
Nach ca. 40 Min. ist die perfekte und atemberaubende Rettungsaktion direkt über unseren Köpfen am schmalen Felsteil des Ostgrates vorbei und wir steigen weiter ab - allerdings durch das Geschehene und Gesehene sehr unsicher und langsam. Erst allmählich kommt die alte Sicherheit zurück. Gegen 15.00 Uhr erreichen wir dann die Weißhornhütte, 2900 m.

Dort erwartet uns ein Freund, der sich freut, uns zu sehen, denn er hatte auf der Hütte vom Absturz gehört Erst jetzt - 12 Stunden nach dem Start auf der Tracuithütte - fällt die Spannung ganz von uns ab und in der warmen Sonne vor der Hütte können sich endlich Körper und Geist erholen

 
18.02.2015 16:00:01